Friedberger Erklärung
WISSEN, VERSTEHEN, VERANTWORTEN – Naturwissenschaftliche Bildung im ganzheitlichen Kontext der Montessori Pädagogik
Einleitung
Die selbsttätige Auseinandersetzung mit der Welt und der Natur, die auch die naturwissenschaftliche Bildung beinhaltet, ist seit 100 Jahren Basis und Kernstück der Montessori-Pädagogik vom frühen Kindesalter an bis zum verantwortlichen Handeln des Erwachsenen.
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Friedberger Tagung des Montessori Dachverbands Deutschland am 10. November 2007 bekräftigen die Aktualität und Bedeutung der naturwissenschaftlichen Bildung als integralen Bestandteil der Kosmischen Erziehung und appellieren an die politisch Verantwortlichen, ihr einen höheren Stellenwert im öffentlichen Bildungssystem zu geben.
Stellenwert des Menschen in der Natur
Nur was der Mensch kennt, kann er schätzen und schützen. Detailliertes Wissen muss rückgebunden werden in ganzheitliche, human verantwortete Lebenszusammenhänge.
In der Montessori-Pädagogik gehen wir von der Welt als Ganzem aus, in dem alles mit allem, jedes mit jedem zusammenhängt. Eine besondere Rolle und Aufgabe kommt jedoch dem Menschen zu. Er besitzt neben Intelligenz auch Bewusstsein, kann sich frei entscheiden und übernimmt damit eine einzigartige Verantwortung: Der Mensch ist Schöpfer und Geschöpf zugleich.
Werden die Grundlagen der Natur- und Lebensfunktionen nicht verstanden oder aus Unwissenheit oder Verantwortungslosigkeit zerstört, verliert der Mensch die Fundamente seiner eigenen Existenz. Seine schöpferische Berufung verkehrt sich dann hin zu einer Gefahr der Selbstzerstörung der Menschen.
Aus dieser ganzheitlichen ökologischen Weltsicht heraus ist es Aufgabe des Menschen, die Gesetze der Natur und des Lebens zu erforschen, zu erkennen und sie verantwortlich und lebenserhaltend zu nutzen.
Dazu gehört, dass er sich der Wirkungen seines Handelns auf die Natur- und Lebensgrundlagen bewusst wird und Verantwortung für die nachfolgenden Generationen im Sinne einer nachhaltigen Zukunft für alle Menschen übernimmt und praktiziert.
Bedeutung der Bildung und Erziehung: Wissen und Verantwortung im Sinne der Kosmischen Erziehung
Aus der Geschichte wissen wir: Der Mensch kann ohne hinreichend vernünftige Erziehung, Bildung und Verantwortung in seinem Streben nicht nur schöpferisch, sondern auch zerstörerisch wirken.
Die forschende Naturbegegnung bereits im frühen Kindesalter dient zunächst dazu, die Grundlagen der Natur und des Lebens zu erkennen und zu verstehen. Dies wird insbesondere ermöglicht in einer pädagogischen Umgebung, die Kindern Freiheit, eine reichhaltige Erfahrungsvielfalt und respektvolle Unterstützung bei ihren Entdeckungen bietet. Nur daraus erwächst unserer Erfahrung nach eine erkenntnisbasierte Verantwortung für die Natur und das soziale Zusammenleben auf diesem Planeten.
Die Kosmische Erziehung als Kernbereich der Montessori-Pädagogik umfasst naturwissenschaftliche, technische, musische und historische Teilbereiche der Bildung, die immer wieder zum Verständnis des Ganzen zusammengeführt werden und in die die Vermittlung der Kulturtechniken integriert sind. Sie zielt auf einen Selbstbildungsprozess, der vom Ganzen zum Detail und vom Detail zum Ganzen führt.
Appell
Kenntnis und Wissen der Natur sind integraler Bestandteil jeder Bildung, die Kompetenz und Verantwortung des Menschen zum Ziel hat. Diese Erkenntnis begleitet die Erziehung und Entwicklung der Kinder von Anfang an.
Erziehung in Kindergarten und Schule muss daher
- ganzheitlich angelegt sein und wissenschaftlich gesichertes Wissen vermitteln, mit der sich Kinder selbsttätig Natur- und Lebenszusammenhänge erschließen können,
- den Menschen einerseits als Teil der Natur und andererseits als ein Geschöpf mit besonderer Verantwortung begreifen, da ihm die Möglichkeit freier Entscheidung gegeben ist.
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Friedberger Montessori Tagung bekräftigen die Notwendigkeit einer ganzheitlichen, die aktiven Kräfte des Kindes fördernden naturwissenschaftlich-technischen Bildung schon im frühen Kindesalter, gleichermaßen für Mädchen und Jungen.
Sie appellieren an die bildungspolitisch Verantwortlichen, die naturwissenschaftliche Bildung in Kindergarten und Schule nicht dem Zufall zu überlassen, sondern in der dringend erforderlichen Reform der Aus- und Fortbildung von Erziehern/innen und Lehrern/innen zum integralen Pflichtbestandteil zu erheben.
Es geht nicht primär um die ökonomisch-technische Konkurrenzfähigkeit unserer Gesellschaft, sondern um die Bewahrung der globalen Schöpfung und des humanen Überlebens auf der gemeinsamen Erde.
In dieser Verantwortung, und mit der 100jährigen Erfahrung aus der Montessori-Pädagogik, bieten wir unseren Beitrag zur pädagogischen Erneuerungsbewegung an.
Friedberg, den 10. November 2007
© 2005 Montessori Dachverband Deutschland e.V.

