Berliner Tageblatt, Nr. 114, Mittwoch, 9. März 1927 (Morgenausgabe), 1. Beiblatt, S. 5
Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin · Verantwortlicher Redakteur: Walter Zadek
Seitenthema (Schriftzug): „Die Ohrfeige“ – Beitrag 1 von 4
Die Ohrfeige … als pädagogische Gefahr.
Von Dr. Maria Montessori.
(Nachdruck verboten.)
Es ist mir bekannt, daß in Deutschland Kinder und Erwachsene aus allerlei Gründen geschlagen werden. Aber ich bin erstaunt, ja noch mehr, ich bin entsetzt, zu hören, daß dabei auch ins Gesicht und an den Hinterkopf geschlagen wird daß es eine körperliche Züchtigung gibt, die man Ohrfeige nennt. In Italien ist die Ohrfeige unbekannt. Eine Ohrfeige auf der Straße würde einen Auflauf zur Folge haben, als wenn ein Straßenbahnunglück geschehen wäre. Eine Ohrfeige in der Schule würde, selbst wenn der Lehrer in einem Augenblick der Ungeduld gehandelt hätte, dessen sofortige Entlassung bedeuten. Jede körperliche Züchtigung ist verboten, weil sie eine Mißachtung des anderen Menschen ist. Die Ehrfurcht verbietet, daß man überhaupt einen Menschen schlägt. — Da fällt mir ein Vorfall ein, der sich unlängst in einem italienischen Eisenbahnabteil ereignet hat. Zwischen einem Soldaten und einer jungen Amerikanerin war ein Streit darüber entstanden, ob das Fenster geschlossen werden oder offen bleiben solle. Im Verlauf des Streites verabreichte die Dame dem Soldaten eine Ohrfeige. Er war so erschrocken über den ihm bisher noch nie widerfahrenen Schlag, daß er die Dame verwundert und ratlos anstarrte, die den Augenblick seiner Verwirrung benutzte, um ihm auf die andere Seite auch noch eine Ohrfeige zu geben. Der Soldat tat und sagte nichts. Als ihn seine Kameraden später zur Rede stellten, antwortete er: „Sie hat den Menschen in mir zwar nicht geachtet — ich aber konnte deshalb doch den in ihr nicht vergessen.“
Ein besonderes Kapitel ist die Züchtigung des Kindes. Sie ist in jeder Form energisch abzulehnen und zu bekämpfen, da sie einer Mißachtung der kleinen Menschen entspringt. Nur der, der das Kind nicht ernst nimmt, kann es schlagen. Je ernster man das Kind nimmt, um so weniger wird man es überhaupt nur angreifen. Ganz besonders grausam ist aber die Ohrfeige als Züchtigungsmittel. Der sensibelste Körperteil wird getroffen, und der Schlag muß eine besonders schlimme Wirkung haben. Es scheint mir ein großer Widerspruch darin zu liegen, daß man mit der Ohrfeige das Kind dort trifft, wo man es eben noch gestreichelt hat. Ich kann es mir nur damit erklären, daß die Ohrfeige ein sehr bequemer und handlicher Schlag ist.
Pädagogisch betrachtet ist die Ohrfeige ein ebenso unwirksames Mittel wie jede andere körperliche Züchtigung. Von allen Arten ist sie aber die gefährlichste: Der Schlag trifft den Kopf des Kindes und hinterläßt über den augenblicklichen, körperlichen Schmerz hinaus tiefe Spuren in seinem Seelenleben. Durch das Empfindungsleben des Kindes geht ein großes Erschrecken, ein Gefühl des im Innersten Getroffenseins. Das Kind wird eingeschüchtert und verängstigt. Die Ohrfeige gefährdet die freie und aufrechte Entwicklung. Sie hinterläßt im Kinde das Gefühl der Zurücksetzung und Minderwertigkeit und kann unter Umständen eine lebenslängliche bedrückte, krankhaft eingeengte Gemütsverfassung zur Folge haben.
Längst sollte jede körperliche Züchtigung, in der manche Leute noch eine moralische Handlung sehen, als ein barbarischer Akt der Roheit unmöglich sein. Die Ohrfeige ist eine Kulturschande, die bekämpft werden muß. Sie widerspricht der Würde des Menschen und des Kindes. Es wäre zu begrüßen, wenn ein Feldzug gegen die Ohrfeige organisiert würde, der sich aber nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf England und Nordamerika erstrecken müßte; denn dort soll sie auch üblich sein.