Blitzlicht 14 aus der Forschungswerkstatt: „Die Ohrfeige als pädagogische Gefahr“
Aus der Perspektive von Prof. Heiner Barz
Die Suche nach der „Die Ohrfeige als pädagogische Gefahr“ [hb]
Freitag, 21. August 2026, 16:26 Uhr. In einer Mail aus der Berliner Staatsbibliothek wird mir ein in der Morgenausgabe des Berliner Tageblatts vom 9. März 1927 publizierter Text von Maria Montessori mit dem Titel „Die Ohrfeige als pädagogische Gefahr“ zugeschickt. Damit findet eine zweijährige Recherche ihr glückliches Ende. Dieses Traktat mit seinem engagierten Eintreten gegen körperliche Züchtigung hatte es bis dato nicht in die kanonisierte Montessori-Publizistik geschafft.
Anfang 2024 hatte ich begonnen, im Zuge der Überprüfung der Vorwürfe gegen Maria Montessori, die von einer Salzburger Kollegin publikumswirksam erhoben wurden, mich näher für die Geschichte der Montessori-Bewegung zu interessieren. Und es zeigte sich schnell, dass eine auf Fakten und Archivrecherchen gestützte systematische Auseinandersetzung mit der Geschichte der deutschen Montessori-Verbände in den Jahren vor und nach 1933 schlicht nicht verfügbar war.
Was es gab, war einzig eine Handvoll Publikationen zum dramatischen Schicksal der im KZ ermordeten jüdischen Montessori-Pädagogin Clara Grunwald sowie verstreut überlieferte, eher anekdotische Episoden, in denen Maria und Mario Montessori als Gegner und Opfer des in Italien und Deutschland zeitweise siegreichen Faschismus erschienen. Weniger im Einklang mit dem Bild des Antifaschismus stand die ebenfalls bekannte Tatsache der zeitweisen Kooperation zwischen Montessori und Mussolini.
Grund genug, sich auf die Suche nach Dokumenten aus Weimarer Republik und beginnendem Nationalsozialismus in Deutschland zu machen. Vor diesem Hintergrund gewannen neben öffentlichen oder verbandseigenen Archiven auch privat zu vermutende Briefkorrespondenzen und Nachlässe unsere Aufmerksamkeit. Dr. Jörg Boysen, damals Vorsitzender des Vorstands des Bundesverbands Montessori Deutschland e.V. unterstützte die Recherche von Anfang an aktiv mit großem Engagement. Unsere Zusammenarbeit konkretisierte sich dann 2025 in der Beauftragung des Forschungsprojekts zur Montessori-Pädagogik im Nationalsozialismus.
Die Recherche-Safari beginnt
Eine Montessori-Pädagogin, die mit ihrer Kinderhaus-Arbeit eine Brücke zwischen Vor- und Nachkriegszeit bildete, war Margarethe Aurin (1897-1989). Ihr kam außerdem durch ihre Zusammenarbeit mit dem Kinderarzt und Professor für Sozialpädiatrie Theodor Hellbrügge (1919-2014) beim Aufbau der ersten inklusiven Montessori-Einrichtungen der Aktion Sonnenschein in München eine herausgehobene Rolle in der Montessori-Bewegung zu. Ich erinnerte mich, dass ich ihren Sohn, Prof. Kurt Aurin (1923-2017), in den ersten Jahren meiner Assistentenzeit an der Universität Freiburg i.Br. kennengelernt hatte. Er war dort der Vorgänger meines Chefs Prof. Rudolf Tippelt von 1976-1991 Ordinarius für Pädagogik an der Uni Freiburg und tauchte gelegentlich noch im Institut auf.
Prof. Aurin war ein bekannter Montessori-Experte, in den fünfziger Jahren im Vorstand der DMG und Vorsitzender von deren neugegründetem Berliner Arbeitskreis.
Eine erste Recherche ergab, dass er vor einigen Jahren verstorben war. Aus der Todesanzeige ließ sich sein Wohnort, Müllheim im Markgräflerland, erschließen – und tatsächlich hatte ich Glück, und fand über „Das Örtliche“ eine Telefonnummer.
Zu meiner Überraschung erreichte ich über diese Nummer Bernhard „Bernie“ Aurin, den einzigen Sohn Prof. Aurins. Bernie Aurin ermöglichte uns freundlicherweise, dass wir im Sommer 2024 den Nachlass seines Vaters sichten konnten. Im Souterrain von Aurins Professoren-Villa im badischen Müllheim mit herrlichem Blick über die Rheinebene fand sich in einer Kladde ein maschinenschriftlicher, knapp zweiseitiger Text, überschrieben „Die Ohrfeige als pädagogische Gefahr von Dr. Maria Montessori“. Darin wendet sich Montessori vehement gegen die körperliche Züchtigung von Kindern, wobei sie davon ausgeht, dass die Ohrfeige ein typisch deutsches Phänomen und in Italien so sehr verpönt sei, dass es einen Menschauflauf wie bei einem Straßenbahnunfall geben würde, wenn ein Kind öffentlich geschlagen würde.
Wir lassen dahingestellt, wie belastbar diese kulturhistorische Beobachtung tatsächlich ist, die Quellen geben Montessori jedenfalls nicht ausnahmslos recht. Das Bemerkenswerte an diesem Text-Fund war, dass er unter heutigen Montessori-Expertinnen und -Experten unbekannt war. Selbst für den wahrscheinlich besten Kenner von Montessoris Schriften, den Münsteraner Prof. Harald Ludwig, der Montessoris gesammelte Werke seit 20 Jahren herausgibt, war er neu. Wir wussten allerdings auch von der Archivarin der AMI, Joke Verheul, dass Montessori Antworten auf örtliche Anfragen manchmal von Vertrauten erstellen ließ und dann vor Veröffentlichung absegnete.
Montessoris Kampf gegen die „deutsche Ohrfeige“
Mir schien dieser Text vom ersten Augenblick an enigmatisch. Rätselhaft und gleichzeitig hoch interessant. Denn gerade war Montessori im Jahr 2024 ein weiteres Mal quer durch die deutsche Medienlandlandschaft als Vertreterin von Autoritarismus und Rassismus, als Propagandistin einer totalen Manipulation und einer eugenischen Züchtungsideologie geschmäht worden. Unser auf Empörung und Denkmalsturz gepolter Zeitgeist griff die vermeintliche Enthüllung, dass Montessori immer falsch verstanden worden sei, wenn man ihre Pädagogik mit Freiheit und Individualität in Verbindung gebracht hatte, geradezu begierig auf. In Wirklichkeit, so propagierte es Land auf Land ab die neue Aufklärung, ginge es Montessori um die totale Verhaltens-Kontrolle und um die Herstellung des perfekten Kindes – zur Not auch mit Gewalt.
Während der Name Montessori im Jahr 2024 vielfach in einem Atemzug mit Rassismus und Eugenik, Gehorsam und Züchtung genannt wurde, während die Schlagzeilen allenthalben von der „Entzauberung der Ikone“ und ihren „dunklen Schatten“ kündeten, stieß ich auf einen Text, der nicht weniger ist als ein "Dementi" dieser gesamten Montessori-Umdeutung.
Montessoris Text gegen die körperliche Züchtigung beginnt zunächst sachlich – aber schon im zweiten Satz nimmt die Philippika - offensichtlich an ein deutsches Publikum gerichtet - Fahrt auf:
„Es ist mir bekannt, daß in Deutschland Kinder und Erwachsene aus allerlei Gründen geschlagen werden. Aber ich bin erstaunt, ja noch mehr, ich bin entsetzt, zu hören, daß dabei auch ins Gesicht und an den Hinterkopf geschlagen wird, daß es eine körperliche Züchtigung gibt, die man Ohrfeige nennt. In Italien ist die Ohrfeige unbekannt.“
Montessori verweist dann auf ihr Heimatland Italien, wo das Ohrfeigen geächtet sei. Selbst wenn man das mentalitätshistorisch vielleicht in Zweifel ziehen kann, wird man es als rhetorischen Kniff gegenüber dem deutschen Publikum zur Bekräftigung ihres Arguments gegen die körperliche Züchtigung würdigen können. Wir halten jedenfalls fest, dass Montessori keinen Zweifel an ihrer Position lässt – und keiner, der ihr Autoritarismus und die Befürwortung von Disziplinierung und Zwang vorwirft, kann an solchen Sätzen vorbeikommen.
„Eine Ohrfeige in der Schule würde, selbst wenn der Lehrer in einem Augenblick der Ungeduld gehandelt hätte, dessen sofortige Entlassung bedeuten. Jede körperliche Züchtigung ist verboten, weil sie eine M i ß a c h t u n g d e s a n d e r e n M e n s c h e n ist. Die Ehrfurcht verbietet, daß man überhaupt einen Menschen schlägt.“
Weiter beleuchtet Montessori die psychologische, ja geradezu die psychoanalytische Ebene des Erleidens von Schlägen ins Gesicht. Einschließlich der Langzeitfolgen:
„Pädagogisch betrachtet ist die Ohrfeige ein ebenso unwirksames Mittel wie jede andere körperliche Züchtigung. Von allen Arten ist sie aber die gefährlichste: Der Schlag trifft den Kopf des Kindes und hinterlässt über den augenblicklichen, körperlichen Schmerz hinaus tiefe Spuren in seinem S e e l e n l e b e n . Durch das Empfindungsleben des Kindes geht ein großes Erschrecken, ein Gefühl des im Innersten Getroffenseins. Das Kind wird eingeschüchtert und verängstigt. Die Ohrfeige gefährdet die freie und aufrechte Entwicklung.“
Montessori stellt ans Ende ihrer pädagogisch-psychologischen Gefahrenanalyse den Appell zur weltweiten Ächtung jeder körperlichen Züchtigung, denn die Ohrfeige sei eine „Kulturschande“:
„Längst sollte jede körperliche Züchtigung, in der manche Leute noch eine moralische Handlung sehen, als ein barbarischer Akt der Roheit unmöglich sein. Die Ohrfeige ist eine Kulturschande, die bekämpft werden muß. Sie widerspricht der Würde des Menschen und des Kindes. Es wäre zu begrüßen, wenn ein Feldzug gegen die Ohrfeige organisiert würde, der sich aber nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf England und Nordamerika erstrecken müsste; denn dort soll sie auch üblich sein.“
Umwege und Irrwege der Recherche
Aber ein schreibmaschinengeschriebenes zweiseitiges Manuskript, das keiner kennt, mit der Autorenangabe Maria Montessori in der Überschrift aus dem Aurin-Nachlass – wie kann man sicher sein, dass der Text authentisch ist? Zu welchem Zweck wurde er geschrieben? Warum findet er sich nicht in einem der vielen Bücher mit Montessoris pädagogischen Ideen?
Zufällig stoße ich ein halbes Jahr später im Inhaltsverzeichnis der Fachzeitschrift „Das Kind“ (2007, Heft 42, S. 153f.) auf den Maria Montessori zugeschriebenen Beitrag „Die Ohrfeige als pädagogische Gefahr“. Die Ausgabe der Zeitschrift – sie ist nicht online verfügbar und kaum eine deutsche Bibliothek sammelt sie – lässt sich organisieren.
Der Text ist mehr oder weniger identisch mit dem Maschinenskript aus Aurins Nachlass. Die Quellenangabe dort lautet „Berliner Zeitung von 1926“. Immerhin ein Anhaltspunkt. Aber es gab im Jahr 1926 keine „Berliner Zeitung“.
Nachforschungsversuche bei den damals zuständigen Redaktionsmitgliedern der Zeitschrift bringen keine weiteren Aufschlüsse. Vielleicht war ja die „B.Z. am Mittag“ gemeint? Immerhin steht das B.Z. für Berliner Zeitung. Die B.Z. am Mittag gibt es nur auf Mikrofilm und genau einmal aus dieser Zeit vollständig in Deutschland, nämlich in der Arbeitsstelle für Geschichte der Publizistik der Uni Köln. Dort weist man mich bereitwillig in den Umgang mit den störrischen Mikrofilmrollen ein. Nach Stunden steht fest: Fehlanzeige. Vielleicht hatte man sich nur im Jahrgang vertan – und der Artikel erschien ein Jahr zuvor oder danach? Ich habe keine Lust mehr.
Die "Widerlegung" der "Widerlegung"
Wieder ein halbes Jahr später gibt es neue Hoffnung: Wir haben inzwischen das online recherchierbare Deutsche Zeitungsportal entdeckt – und auch sein österreichisches Pendant, ANNO. Dort findet Jörg Boysen im März 2026 einen Artikel in „Die Rote Fahne“ (Wien) vom 12.03.1927, Seite 3, links oben, in dem auf ein Plädoyer von Montessori gegen das Ohrfeigen im „Berliner Tageblatt vom 9. März“ verwiesen wird. Gleichzeitig wird dort vermutet, dass Maria Montessori Italien als positiven Gegenpol präsentieren müsse, weil sie ja in Mussolinis faschistischem Italien wohne. Und ihr wird vorgehalten, dass sie ja eigentlich wissen sollte, dass in „Mussolinien“ die Menschenwürde mit Füßen getreten und Arbeiter totgeschlagen würden.
Immerhin eine neue Spur, aus einer Zeit, wo Montessori nachweisbar in Berlin war, also für die Lokalpresse ansprechbar. Das Berliner Tageblatt ist online verfügbar – sogar in einer Morgen- und einer Abendausgabe. Aber wir finden den betreffenden Artikel nicht. Beim x-ten Durchblättern der Ausgaben im fraglichen Zeitraum entdecke ich im Header des Zeitungstitels Hinweise auf eine ganze Reihe von Beilagen (Mode, Verkehr etc.), die offenbar nicht alle mit archiviert bzw. nicht alle digitalisiert wurden. Ich schreibe eine Mail an die Berliner Staatsbibliothek, wo der Jahrgang auch gedruckt komplett vorliegen soll. Rasch bekomme ich Rückmeldung: Ja, man könne nach den im Außenmagazin ausgelagerten, gedruckten Ausgaben suchen. Man bitte um Geduld. Doch nur wenige Stunden später erhalte ich eine zweite Mail mit dem fehlenden 1. Beiblatt in der Ausgabe des Berliner Tageblattes vom 9. März 1927, Nr. 114 (Morgen-Ausgabe) und der Erläuterung, es „ging jetzt doch schneller als zunächst gedacht: wir haben noch eine zweite Verfilmung vom Berliner Tageblatt als Depositum von der FU Berlin und auf diesem Film ist die betreffende Beilage vorhanden.“
Glückliches Ende einer fast schon aufgegebenen Recherche. Und es hat sich gelohnt. Denn: Das nunmehr in seiner Herkunft bestätigte entschiedene Plädoyer Maria Montessoris gegen körperliche Züchtigung und gegen die Ohrfeige ist deshalb wichtig, weil es den Behauptungen der letzten Jahre, Montessori sei im Grund eigentlich autoritär, kinder- und behindertenfeindlich usw. gewesen, eine eindeutige Gegenthese aus der Feder der Dottoressa selbst entgegenstellt. Montessoris Text „Die Ohrfeige als pädagogische Gefahr“ ist im Berliner Tageblatt übrigens Teil einer ganzseitigen Themenseite, auf der aus juristischer, aus medizinischer, juristischer, kulturhistorischer und eben auch pädagogischer Sicht über die Ohrfeige referiert wurde.
„Mein Menschen-Ideal. Wünsche und Erkenntnisse“
Die hier recht ausführlich in ihren Umwegen und Irrwegen beschriebene Recherche-Odyssee steht zugleich exemplarisch für unsere nicht immer leichte Suche nach Ursprungs-Quellen aus dem Montessori-Kosmos. Die in der Zeitschrift „Das Kind“ genannte Quelle war ja doppelt fehlerhaft: Die falsche Jahreszahl und die falsche Zeitung. Ähnliches widerfuhr uns häufig.
Es gab aber auch glückliche Zufallsfunde. So lagen irgendwann auf dem Regal-Platz der Unibibliothek Düsseldorf, an dem meine Magazin-Ausleihen zu liegen pflegen, drei alte Zeitschriftenjahrgänge, die nicht ich, sondern wohl ein anderer Forscher, bestellt hatte. Dabei war auch dasselbe Heft der „Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik“ vom katholischen Institut für wissenschaftliche Pädagogik, aus dem wir gerade selbst einen Artikel kopiert hatten. Zusätzlich ein Jahrgang der Zeitschrift „Die Tat“ – was uns neugierig auf diese Zeitschrift machte. Jörg Boysen hat auf Verdacht hin dann nach dem Herausgeber von „Die Tat“, Hans Zehrer, und Montessori gegoogelt. Und stieß auf eine Dissertation aus dem Jahr 2007 zu Rundfunkrundfragen in der Weimarer Republik. In dieser Dissertation wiederum fand sich ein Abschnitt über eine Rundfrage der Zeitschrift UHU aus 1929, wo auch Maria Montessori zu Wort kam. Die entsprechende Ausgabe der Zeitschrift UHU konnten wir bestellen – und fanden unter der Überschrift „Mein Menschen-Ideal. Wünsche und Erkenntnisse“ (UHU, Jg. 5., H. 6, März 1929, S. 37-40) neben Beiträgen von Heinrich Mann, Else Lasker-Schüler, Friedrich Gundolf u.a. auch einen Beitrag von Maria Montessori. Im Deutschen Literatur-Archiv in Marbach konnte ich anschließend noch eine Original-Postkarte aufstöbern, auf der Mario Montessori am 29. November 1928 vorab im Namen seiner Mutter die UHU-Redaktion beim Ullstein-Verlag um nähere Angaben zum angefragten Text und um Übersendung eines Beispiels bat.
Da Maria Montessori kein Deutsch konnte, muss ihr Beitrag aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt worden sein – und vielleicht findet sich noch irgendwann in den noch nicht gehobenen Nachlassbeständen der Montessori-Nachfahren das italienische Original.
Auch beim Text „Mein Menschen-Ideal“ handelt es sich um einen in der Montessori-Literatur bislang völlig unbekannten Text. Dessen Interpretation übrigens – anders als beim „Ohrfeigen-Text“ – in beträchtliche Ambivalenzen führt. Denn wir lesen hier zwar eine realistische Feststellung gleich in den ersten beiden Sätzen: „Den Idealmenschen kenne ich nicht! Wie sollte ich ihn daher beschreiben?“ Und ein typisches Montessori-Motiv: „Ich suche ihn im ersten Kindesalter, wie die amerikanischen Forschungsreisenden das Gold unter der Erde suchten.“
Aber wir finden auch die in der damaligen Zeit weit verbreitete Hoffnung auf den neuen Menschen, der sich über alle bisherigen Beschränkungen und Fehlentwicklungen hinwegsetzt und den bisherigen Menschen triumphal zuruft: „Sie sind für immer begraben.“
Nach den kommunistischen und faschistischen Gräueln des 20. Jahrhunderts wissen wir, dass gerade die mit großer Emphase umgesetzten Großprojekte zur Schaffung eines neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft, statt zum versprochenen Utopia zu Gulag und Auschwitz geführt haben. Fast 100 Jahre nachdem Montessori ihr Menschen-Ideal auf Veranlassung des Ullstein-Verlags provokant formuliert hatte, würde man heute bescheidener formulieren. In ihrem Einsatz für eine von Drill und Zwang, von Befehl und Gehorsam befreite Kindheit, aus der Schläge und Ohrfeigen verbannt bleiben, bleibt aber einmal mehr die positive visionäre Kraft der Ausnahmepädagogin Maria Montessori uneingeschränkt zu würdigen.
Wie geht es weiter?
Die nächsten Blitzlichter sind in Vorbereitung und erscheinen in etwa monatlichen Abständen. Eine Übersicht der bisherigen Blitzlichter finden Sie hier.
Unter anderem stellen wir, anhand von neuen Archivfunden aus Hamburg, Eva von der Dunk vor, Kinderhausleiterin in Altona bis zu ihrer Entlassung 1933 als Jüdin.
Die Sinnfälligkeit unseres Projektmottos bestätigt sich: „Wir wollen die Vergangenheit kennen, um für die Zukunft zu lernen.“ Es zeigt sich, wie der Streit um Pädagogik und Macht der gesamten deutschen Montessori-Bewegung nach innen und außen bedeutend schadete und die Montessoris vor gravierende Dilemmata stellte.
Bereits bekannt ist, dass nach der Machtergreifung, mit dem Berufsverbot von Juden und politischen Abweichlern ab April 1933, viele Montessori-Einrichtungen schließen mussten. Die Projektergebnisse machen deutlicher, vor welchem Dilemma die deutsche Montessori-Bewegung stand, noch zu retten, was gerettet werden konnte.
Finanzierung des Forschungsprojekts
Das Forschungsprojekt „Montessori-Pädagogik im Kontext des deutschen Nationalsozialismus“ wurde mit der Maßgabe aufgesetzt, vollständig aus Drittmitteln finanziert zu werden, also das Budget des Bundesverbands nicht zu belasten. Auch wenn das Projekt durch die großzügige Zuwendung einer Stiftung finanziell unterstützt wird, bleibt eine zu schließende Lücke von ca. 15.000 €, für die wir interessierte Personen oder Organisationen um Spenden bitten, um das Projekt finanziell endgültig absichern zu können. Mehr Infos gibt es hier.