Maria Montessori Portrait lesend 1913

Organisierte Gesellschaft

Einleitung

Im Jahre 1949 erschien in Indien Maria Montessori Buch "Das kreative Kind" (auf englisch "The Absorbent Mind") [A]Dieses Buch entstand während Maria Montessoris mehrjährigem Aufenthalt in Indien und zuerst in englischer Sprache - und zwar wie etliche ihrer Bücher - aus Mitschriften während eines Ausbildungskurses (in diesem Fall in Ahmedabad). Es geht der Pädagogin in diesem Werk um eine detaillierte Darstellung der Entwicklung des Kindes in seinen frühesten Jahren (0 – 3). Weitere Infos unten in der Kommentierung.. Im Kapitel "Gesellschaft durch Kohäsion" ist ein Abschnitt "Organisierte Gesellschaft", den wir hier wegen der Erwähnung von Mussolini und Hitler veröffentlichen.

Unter dem Text ist, neben den Fußnoten und Quellenhinweisen, eine Kommentierung zu einzelnen Passagen im Text.

Organisierte Gesellschaft (Maria Montessori 1949)

Wenn das Kind mit dem sechsten Lebensjahr in eine neue Phase der Entwicklung tritt, die den Übergang vom sozialen Embryo zum sozialen Neugeborenen bezeichnet, beginnt plötzlich deutlich eine andere spontane Lebensform: eine bewußt organisierte Vereinigung. Nun suchen die Kinder die Prinzipien und Gesetze kennenzulernen, die die Erwachsenen festgelegt haben. Sie suchen nach einem Anführer, der die Gemeinschaft führt. Der Gehorsam gegenüber dem Anführer und den Regeln bildet offensichtlich das Bindegewebe dieser Gesellschaft. Wie wir wissen, wurde dieser Gehorsam in dem vor der Periode der Entwicklung liegenden embryonalen Stadium vorbereitet. McDougall beschreibt diese Art von Gesellschaft, die die Kleinen von sechs, sieben Jahren bereits beginnen aufzubauen. Sie unterwerfen sich den älteren Kindern, als würden sie einem Instinkt folgen, der „Herdentrieb" [1]William McDougall, An Introduction to Social Psychology, London 1948. genannt wird. Vernachlässigte und sich selbst überlassene Kinder organisieren oft Banden, Gruppen, die sich gegen die Prinzipien und die Autorität der Erwachsenen auflehnen. Diese natürlichen Bedürfnisse, die fast immer zu einem rebellischen Verhalten führen, wurden durch die Bewegung der Pfadfinder auf ein höheres Niveau gehoben. Diese Bewegung entspricht einem wirklichen sozialen Entwicklungsbedürfnis, das der Natur der Kinder und der Jugendlichen innewohnt. Dieser „Herdentrieb" ist etwas anderes als die Kohäsionskraft, welche die Basis für die Gesellschaft der Kleinkinder war. Die darauffolgenden Gesellschaftsformen, die sich weiterentwickeln, bis sie das Niveau der Gesellschaft der Erwachsenen erreichen, sind bewußt organisiert und brauchen von einem Menschen aufgestellte Regeln, wie auch einen Anführer, der sich Respekt verschafft.

Das Leben in der Gesellschaft ist ein natürliches Faktum, und als solches gehört es zur menschlichen Natur. Es entwickelt sich wie ein Organismus, der während seines Aufbaus verschiedene Merkmale aufweist. Ich möchte ihn mit der Herstellung eines Gewebes vergleichen, dem Spinnen, dem Weben, die von großer Bedeutung in der indischen Heimindustrie sind. Natürlich muß man bei den Anfängen beginnen und zuerst das weiße Büschel betrachten, das die Baumwollpflanze um ihren Samen bildet. Wollen wir den Aufbau der menschlichen Gesellschaft betrachten, müssen wir ebenfalls beim Kleinkind beginnen und es in seiner familiären Umgebung beobachten, in der es geboren wurde. Sobald die Baumwolle gepflückt ist, wird sie gereinigt - was auch die erste Arbeit in Gandhis Landwirtschaftsschulen ist -, indem man sie von den schwarzen Samen befreit, die an den Büscheln kleben. Diese erste Arbeit entspricht unserer Tätigkeit, wenn wir die Kinder aus den Familien bekommen und ihre Fehler korrigieren, ihnen helfen, sich zu konzentrieren und zu normalisieren. Gehen wir zur Arbeit des Spinnens über. Bei unserem Beispiel entspricht das Spinnen der Bildung der Personalität des Kindes, die durch Arbeit und soziale Erfahrung erreicht wird. Das ist die Basis des Ganzen: die Entwicklung der Personalität. Ist der Faden gut gezwirnt und fest, wird auch das Gewebe daraus in gleicher Weise fest sein. Die Qualität des Tuches hängt vom Garn ab. Diese Tatsache muß in erster Linie beachtet werden, denn das Gewebe aus schlechtem Garn hat keinen Wert.

Dann kommt der Moment, wo die Fäden auf den Webstuhl gespannt werden, alle in die gleiche Richtung und durch Häkchen an den Seiten befestigt. Sie laufen alle parallel und sind gleich lang und so getrennt, daß sie sich nicht berühren. Sie bilden den Einschlag eines Stoffes, sind aber nicht der Stoff selbst. Und doch könnte der Stoff ohne den Einschlag nicht gewebt werden. Wenn die Fäden zerreißen oder von der Stelle rücken, weil sie nicht gut in der gleichen Richtung befestigt waren, kann die Spule sie nicht durchqueren. Dieser Einschlag entspricht der Kohäsion der Gesellschaft. Die Vorbereitung der menschlichen Gesellschaft gründet sich auf die Tätigkeit der Kinder, die, getrieben von den Naturbedürfnissen in einer begrenzten Umgebung, handeln entsprechend unserem Beispiel mit dem Webstuhl. Schließlich sind sie alle in der Tendenz auf das gleiche Ziel verbunden.

Nun beginnt das eigentliche Weben, wenn die Spule durch die Fäden läuft und sie vereint, indem sie sie durch Querfäden fest an ihren Platz bindet. Dieses Stadium entspricht der organisierten Gesellschaft der Menschen, die sich auf Gesetze stützt und unter der Leitung einer Regierung steht, der alle gehorchen. Wenn wir es mit einem wirklichen Stück Stoff zu tun haben, bleibt dieses ganz, auch wenn wir es vom Webstuhl lösen. Es ist auch unabhängig fähig zu bestehen und kann benützt werden. Es kann eine unbegrenzte Menge davon erzeugt werden. Die Menschen bilden nicht nur deshalb eine Gesellschaft, weil sich jedes Individuum einer besonderen Aufgabe in seiner Umgebung zugewandt hat und eine bestimmte Arbeit leistet, wie das Kind in seiner Gruppe: Die letzte Form der menschlichen Gesellschaft gründet sich auf die Organisation.

Die beiden Dinge gehen allerdings ineinander über. Die Gesellschaft stützt sich nicht nur auf die Organisation, sondern auch auf die Kohäsion - und von den beiden ist letzteres das grundlegende Element und dient als Basis für den Aufbau der Organisation. Gute Gesetze und eine gute Regierung können nicht die Massen zusammenhalten und handeln lassen, wenn die Individuen nicht auf etwas ausgerichtet sind, was sie zusammenhält und zu einer Gruppe macht. Die Massen sind ihrerseits wieder mehr oder weniger stark und aktiv, je nach dem Entwicklungsgrad der Personalität der einzelnen Individuen und ihrer inneren Ausrichtung.

Bei den Griechen war die Bildung der Personalität die Grundlage für den gesellschaftlichen Aufbau. Alexander der Große, der einst ihr Anführer war, eroberte mit wenigen Männern ganz Persien. Auch die Moslems bilden eine gewaltige Einheit, nicht so sehr aufgrund ihrer Gesetze und ihrer Führer als wegen ihrer gemeinsamen Ideale. Periodisch ziehen sie in großen Pilgermassen nach Mekka. Diese Pilger kennen sich nicht untereinander, sie sind weder durch ein privates Interesse noch von einem Ehrgeiz getrieben; es sind Individuen, die auf das gleiche Ziel zustreben. Keiner treibt sie an, keiner befiehlt ihnen, und doch sind sie zu enormen Opfern bereit, um ihr Gelübde zu erfüllen. Diese Pilgerfahrten sind ein Beispiel für Kohäsion.

In der Geschichte Europas begegnen wir im Mittelalter einem Phänomen, das man in den heutigen, von Kriegen zerrütteten Zeiten vergeblich zu erreichen versucht hat: die echte Einheit der europäischen Nationen. Und wie kam es dazu? Das Geheimnis dieses Triumphes lag im religiösen Glauben, der alle Individuen der europäischen Reiche und Nationen erobert hatte und der sie durch seine gewaltige Kohäsionskraft vereinte. Damals gab es wirklich Könige und Kaiser (von denen jeder sein Volk nach eigenen Gesetzen führte), die alle der Kraft des Christentums ergeben waren. Die Kohäsion genügt jedoch nicht, um eine Gesellschaft aufzubauen, die in der Welt tätig ist und eine auf Arbeit und Intelligenz gegründete Kultur schafft. In unseren Tagen können wir uns auf die Juden beziehen, die durch eine tausendjährige Kraft der Kohäsion zusammengehalten wurden, aber erst jetzt im Begriffe sind, sich als Nation zu organisieren. Sie sind wie der „Einschlag" eines Volkes.

Es ist bemerkenswert, daß wir in letzter Zeit auch ein neues geschichtliches Beispiel vor Augen haben. Mussolini und Hitler waren sich als erste darüber klar, daß man die Individuen von ihrer ersten Kindheit an vorbereiten muß, wenn man eine sichere Eroberung anstrebt. Sie erzogen die Kinder und Jugendlichen über Jahre hinaus und flößten ihnen ein Ideal ein, damit es sie vereine. Hierbei handelte es sich um ein neues logisches und wissenschaftliches Vorgehen, was immer auch der moralische Wert gewesen sein mag.[B]Diese zweite Hälfte des Satzes wird manchmal ausgelassen, was einen falschen Eindruck erzeugt. Siehe Kommentierung dazu unten. Diese Führer fühlten, daß sie eine „Kohäsionsgesellschaft" als Basis für ihre Pläne benötigten, und bereiteten sie von Grund auf vor. 

Die Kohäsionsgesellschaft ist jedoch ein Naturphänomen, das sich spontan und aufgrund der schöpferischen Anregung der Natur aufbauen muß. Keiner kann an Gottes Stelle treten, und wer es versucht, wird ein Dämon.[C]Hervorhebung nicht im Original Das gleiche geschieht, wenn die Erwachsenen mit ihrem Stolz die schöpferischen Energien der kindlichen Personalität unterdrücken.

Auch die Kraft der Kohäsion bei den Erwachsenen beruht auf Idealen, die dem Mechanismus der Organisation überlegen sind. Es müßte zwei miteinander verflochtene Gesellschaften geben: Eine würde ihre Wurzeln sozusagen in der unbewußten schöpferischen Zone des Geistes haben, die andere würde von den Menschen, die bewußt handeln, abhängig sein. Mit anderen Worten: Die eine beginnt in der Kindheit, und die andere legt sich von seiten des Erwachsenen darüber. Denn wie wir zu Beginn dieses Buches gesehen haben, absorbiert der absorbierende Geist des Kindes die Merkmale des Volkes. Die Merkmale, die das Kind aufweist, wenn es als „geistiger Embryo" lebt, sind weder Entdeckungen des Verstandes noch der menschlichen Arbeit, sondern es handelt sich um jene Merkmale, die sich im kohäsiven Teil der Gesellschaft finden. Das Kind nimmt sie auf, inkarniert sie und formt dadurch seine eigene Personalität. Somit wird es ein Mensch mit einer bestimmten Sprache, einer bestimmten Religion und einer bestimmten Art von Gebräuchen. Das, was fest und fundamental ist, was grundlegend in der immer in Umwälzung befindlichen Gesellschaft ist, ist ihr kohäsiver TeiI: Wenn wir dem Kind erlauben, daß es sich entwickelt und die unsichtbaren Wurzeln dessen bildet, was der Erwachsene einmal sein wird, können wir das Geheimnis erkennen, von dem unsere individuelle und soziale Kraft abhängt.

Indessen - und wir brauchen uns nur umzuschauen, um es zu bemerken - beurteilen, handeln und richten sich die Menschen nur nach dem organisierten, bewußten Teil der Gesellschaft; sie wollen die Organisation festigen und sichern, als ob sie allein deren Schöpfer wären; sie schenken den unentbehrlichen Grundlagen dieser Organisation keinerlei Beachtung, sondern kümmern sich nur um die menschlichen Richtlinien, und ihr Streben gilt dem Finden einer Führung.

Wie viele hoffen auf einen neuen Messias, auf ein Genie, das die Kraft hat, zu erobern und zu organisieren! Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Vorschlag gemacht, Schulen für die Vorbereitung von Führern einzurichten, denn es hatte sich gezeigt, dass die, die es bereits gab, nicht genügend vorbereitet und nicht Herr der Geschehnisse waren. Es wurde tatsächlich versucht, durch „Tests“ überlegende Personen herauszufinden, junge Leute, die sich während der Schulzeit als besonders geeignet gezeigt hatten, um sie für führende Stellungen vorzubereiten. Aber wer konnte sie ausbilden, wenn es zu diesem Zweck keine überlegenen Lehrkräfte gab?

Es sind nicht die Führer, die fehlen - oder wenigstens beschränkt sich die Frage nicht auf diese Einzelheit. Die Frage ist viel weitgreifender: Leider sind es die Massen, die für das soziale Leben unserer Zivilisation völlig unvorbereitet sind. Das Problem liegt also darin, die Massen zu erziehen, die Charaktere der Individuen zu erneuern, die in jedem von ihnen verborgenen Schätze aufzudecken und ihre Werte zu entwickeln. Das kann kein Führer vollbringen, auch wenn er ein noch so großes Genie ist. Mit einer unvorbereiteten Menge wird dieses Problem nie gelöst werden können. Das ist das wichtigste und quälendste Problem unserer Zeit. Das Niveau der menschlichen Massen ist niedriger, als es sein müßte. Wir haben bereits das Diagramm der beiden Anziehungskräfte betrachtet, die eine, die vom Zentrum ausgeht, und die andere von der Peripherie. Die große Aufgabe der Erziehung muß darin liegen, die Normalität zu retten, die mit eigener Kraft dem Zentrum der Vollkommenheit zustrebt. Heute hingegen macht man nichts anderes, als künstlich unnormale Menschen, die zu Geisteskrankheiten neigen und ständiger Fürsorge bedürfen, zu betreuen, damit sie nicht in die Peripherie abgleiten; denn sind sie einmal dorthin geraten, werden sie zu extra-sozialen Wesen. Das, was heute geschieht, ist ein wahres Verbrechen an der Menschheit. Es schlägt auf uns alle zurück und könnte uns vernichten. Die Masse der Ungebildeten, die die halbe Erde bedeckt, ist keine wirkliche Last für die Gesellschaft. Das, was wiegt, ist die Tatsache, daß wir, ohne es zu bemerken, die Schöpfung des Menschen ignorieren und die von Gott selbst dem Kind mitgegebenen Schätze mit Füßen treten; denn dort ist die Quelle der moralischen und geistigen Werte, die die ganze Welt auf ein höheres Niveau bringen können. Wir weinen angesichts des Todes und streben danach, die Menschheit vor der Vernichtung zu bewahren. Aber es ist nicht die Rettung vor Gefahren, sondern unsere individuelle Erhebung und unser Schicksal selbst als Menschen, was wir vor Augen haben müssen. Nicht der Tod, sondern das verlorene Para­dies muß uns betrüben.

Die größte Gefahr liegt in unserer Unwissenheit: Wir finden Perlen in den Austernschalen, Gold im Felsen, Kohle in den Eingeweiden der Erde, aber wir ignorieren den geistigen Keim, die Nebula der Schöpfung, die das Kind in sich birgt, wenn es in unsere Welt kommt, um die Menschheit zu erneuern.

Wenn in den normalen Schulen die bereits beschriebene spontane Organisation erlaubt wäre, würde diese zu einer erheblichen Verbesserung führen. Die Lehrer hingegen glauben, daß die Kinder beim Lernen nicht aktiv sind, und treiben sie dazu an und ermutigen sie, oder sie strafen und loben sie; und um sie anzuregen, ermutigen sie den Wettstreit und wollen damit die Anstrengung beleben. Man könnte meinen, daß alle auf der Suche des Bösen sind, um dann die Genugtuung zu haben, es zu bekämpfen: Der Erwachsene hat die Veranlagung, das Laster zu entdecken, um es zu unterdrücken. Aber das Verbessern der Fehler ist oft demütigend und entmutigend; und da es die Grundlage der Erziehung ist, ergibt sich daraus im allgemeinen ein Absinken des Lebensniveaus. In den Schulen ist es nicht erlaubt abzuschreiben. Es wird als eine Schuld angesehen, einem schwächeren Schüler zu helfen. Der Schüler, welcher seinem Gefährten hilft, der seine Aufgabe nicht fertigbringt, wird genauso als schuldig betrachtet wie der, der die Hilfe annimmt. Auf diese Weise bildet sich keine Einheit, und es wird ein Prinzip von Moralität auferlegt, das das normale Niveau senkt. Bei jeder Gelegenheit wird wiederholt: „Du sollst nicht trödeln", „Du sollst nicht unruhig sein", „Du sollst nicht helfen", „Antworte nicht, wenn du nicht gefragt bist." Alles ist negativ ausgerichtet. Was sollen wir in dieser Situation tun? Auch wenn der Lehrer versucht, das Niveau seiner Klasse zu heben, wird er dies immer anders tun, als es die Kinder tun würden. Vielleicht wird er bestenfalls sagen: „Sei nicht neidisch, wenn jemand besser ist als du", oder: „Räche dich nicht, wenn dich jemand beleidigt hat." Da die geläufige Erziehung voller Verbote ist, ist es allgemeine Ansicht, daß alle unrecht haben und die Aufgabe darin besteht, sie im Bereich des Möglichen zu verbessern. Aber die Kinder tun oft Dinge, die der Lehrer sich nicht einmal vorstellen kann: Sie sind nicht nur „nicht neidisch", sondern bewundern die, die besser sind als sie. Bestimmte Verhaltensweisen des Geistes können nicht erweckt werden, wenn sie nicht bestehen, aber wenn sie bestehen und instinktiv sind (wie sie es in Wirklichkeit sind), ist es außerordentlich wichtig, sie zu ermutigen und zu pflegen. Dasselbe kann auch gesagt werden über: „Du sollst dich nicht rächen!" Es geschieht oft, daß ein Kind mit einem anderen Freundschaft schließt, das es beleidigt hat; aber niemand kann es dazu zwingen. Man kann Sympathie und Liebe für jemanden empfinden, der Schlechtes tut; aber diese Sympathie kann uns nicht aufgezwungen werden. Es ist schön, einem geistig schwächeren Gefährten zu helfen, aber nicht aus Zwang. Wie ich sagte, müssen die natürlichen Gefühle unterstützt werden. Leider werden sie hingegen oft verhärtet, und die gesamte Arbeit der Schulen wickelt sich in der unteren weißen Zone ab (siehe Abb. 8) [D]Hier nicht abgebildet, die zur anti-sozialen und extra-sozialen Peripherie neigt. Der Lehrer ist als erster der Meinung, daß das Kind unfähig ist und unterrichtet werden muß, und dann glaubt er gut daran zu tun, wenn er sagt: „Tu dies oder jenes nicht", oder mit anderen Worten: „Du sollst nicht in die Peripherie rutschen." Die normalisierten Kinder hingegen weisen einen klaren Hang zum Guten auf und haben nicht das Bedürfnis, das Schlechte zu „meiden". Ein weiterer negativer Akt ist die Unterbrechung der Arbeit nach einem Stundenplan, zu bestimmten Zeiten. Man sagt zum Kind: „Widme dich nicht zu lange einer Sache, sonst ermüdest du", während das Kind offensichtlich zeigt, daß es die größte Anstrengung vollbringen möchte. Die Schulen, die wir heute haben, können den schöpferischen Instinkt des Kindes nicht unterstützen. Die Kinder haben in sich einen Überschwang von Aktivität; eine Überschwenglichkeit in der intensiven Arbeit, in der Hochschätzung der Arbeit, im Trösten der Traurigen und in der Hilfe für die Schwachen. Ich möchte das Verhältnis der gewöhnlichen und der normalisierten Schulen mit dem des Alten und des Neuen Testaments vergleichen. Die Zehn Gebote des Alten Testaments: „Du sollst nicht töten", „Du sollst nicht stehlen", und all die anderen negativen Formeln eines Gesetzes sind nur für Menschen notwendig, deren Geist noch verdunkelt und verwirrt ist. Im Neuen Testament hingegen gibt uns Christus, ähnlich wie die Kinder, positive Gebote, wie: „Liebe deinen Feind!" Denen, die den anderen überlegen schienen, die die Gesetze befolgten und daher bewundert sein wollten, sagt Christus: „Ich bin für die Sünder gekommen." Es genügt jedoch nicht, die Menschen diese Prinzipien zu lehren; es genügt nicht, zu wiederholen: „Liebe deinen Feind", da dies nur in der Kirche gesagt wird und nicht auf dem Schlachtfeld, wo das Gegenteil geschieht. Wenn man sagt: „Du sollst nicht töten", wird die Aufmerksamkeit nur auf das Schlechte gelenkt, um sich selbst zu beschützen, als ob das Gute unerreichbar sei. Einen Feind zu lieben scheint so unmöglich zu sein, daß es im allgemeinen ein leeres Ideal bleibt.

Und warum? Weil die Güte ihre Wurzeln nicht im Herzen des Menschen hat: Vielleicht war es einmal so, aber inzwischen ist sie tot und begraben. Wenn Rivalität, Wetteifer und Ehrgeiz während der gesamten Erziehungsperiode ermutigt wurden, wie kann man dann von Menschen erwarten, die in dieser Atmosphäre aufgewachsen sind, daß sie mit zwanzig oder dreißig Jahren gut sind, nur weil ihnen Güte gepredigt wird? Ich bin der Meinung, daß das unmöglich ist, da für das geistige Leben keine Vorbereitung stattgefunden hat.

Nicht die Predigten, sondern die schöpferischen Instinkte sind wichtig, da sie eine Wirklichkeit darstellen: Die Kinder handeln der Natur entsprechend und nicht, weil sie der Lehrer dazu ermahnt. Das Gute sollte in der gegenseitigen Hilfe seinen Ursprung haben, in der Einheit, die der geistigen Kohäsion entspringt. Diese Gesellschaft, die sich aus der Kohäsion entwickelt, wie es uns das Kind offenbart hat, ist die Grundlage aller Organisation. Daher bin ich der Meinung, daß wir Kinder von drei bis sechs Jahren nicht belehren können. Wir können sie täglich und stündlich bei ihren ununterbrochenen Übungen mit Verständnis beobachten und ihre Entwicklung verfolgen. Das, was eine Gabe der Natur ist, entwickelt sich durch ständige Arbeit: Die Natur bietet eine Führung, aber sie zeigt auch, daß für jede Entwicklung auf jedem Gebiet eine ständige Anstrengung und Erfahrung notwendig sind. Wenn diese Möglichkeit fehlt, können keine Predigten helfen. Das Wachstum hat seinen Ursprung in der Aktivität, nicht im intellektuellen Begreifen. Daher ist die Erziehung der Kleinen vor allem zwischen dem dritten und dem sechsten Lebensjahr wichtig, denn das ist die embryonale Periode für die Bildung des Charakters und der Gesellschaft (genauso, wie sich in der Periode von der Geburt bis zu drei Jahren die Psyche bildet und in der Periode vor der Geburt das physische Leben). Das, was das Kind zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr vollbringt, ist nicht von einer Doktrin abhängig, sondern von göttlichen Richtlinien, die den Geist beim Aufbau anleiten. Es sind die Keime des „menschlichen Verhaltens", und diese können sich nur in einer rechten Umgebung von Freiheit und Ordnung entfalten.

fussnoten

[1] William McDougall, An Introduction to Social Psychology, London 1948.

Kommentierung

HINWEIS: Diese mit Buchstaben nummerierten Anmerkungen wurden von Montessori Deutschland eingefügt; sie sind nicht Teil des Texts in der deutschen Fassung.

[A] Dieses Buch entstand während Maria Montessoris mehrjährigem Aufenthalt in Indien und zuerst in englischer Sprache - und zwar wie etliche ihrer Bücher - aus Mitschriften während eines Ausbildungskurses (in diesem Fall in Ahmedabad). Es geht der Pädagogin in diesem Werk um eine detaillierte Darstellung der Entwicklung des Kindes in seinen frühesten Jahren (0 – 3).

Als auschlaggebenden Faktor in den frühen Jahren der Entwicklung beschreibt Montessori auf der Basis langjähriger Beobachtungen und Erkenntnisse an Kindern aus vielen Kulturen und sozio-ökonomischen Schichten die Bedeutung und Wirkweise des absorbierenden Lernens in den ersten 3 Lebensjahren; daher der Titel ‚der absorbierende Geist‘.

Das absorbierende Lernen bezeichnet sie als eine einzigartige mentale Kraft des jungen Kindes. Ganz unbewusst nimmt es in dieser Zeit eine Vielzahl von Eindrücken aus seiner Umgebung durch sehr genaues Beobachten und Absorbieren der Eindrücke in sich auf; es erwirbt so eine Vielzahl an Fähigkeiten und Fertigkeiten in einer Weise, die sich nach dem dritten Lebensjahr allmählich verliert und durch ein bewusstes, selektives Lernen ersetzt wird. Mit Hilfe des absorbierenden Lernens wird das Kind zum "Baumeister seiner Persönlichkeit" – ganz ohne Lehrkraft und Lehrmethoden, sondern mit Hilfe "innerer Direktiven".

Erziehung müsse - so Montessori - mit der Geburt beginnen und "Hilfe zum Leben" sein; das lasse sich erreichen, indem die Erwachsenen, die mit jungen Kindern umgehen, liebevoll, verständnisvoll und geduldig sind UND indem sie detaillierte Kenntnisse über die Entwicklung in der frühen Kindheit erworben haben. (Zusammengefasst von Ela Eckert)

[B] Diese Textstelle wird manchmal unvollständig zitiert, wodurch sie vermeintlich Montessoris Sympathie für Mussolini und Hitler ausdrückt. 

Montessori bringt vorher im Text Beispiele ganz unterschiedlicher Art, wie Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart versucht haben, ein Zusammenhaltsgefühl als Gemeinschaft zu erzeugen ("Kohäsionsgesellschaft"). Erwähnt werden u.a. die Griechen, Alexander der Große, das Pilgern nach Mekka und die Kreuzzüge. Auch Mussolini und Hitler hätten dieses Zusammengehörigkeitsgefühl für ihre Ideologie fördern wollen und erkannt, dass man dies bereits ab der frühesten Jugend tun sollte.

Montessori setzt aber hinzu: "... was immer auch der moralische Wert gewesen sein mag". Hier geht es also um das Phänomen der Erzeugung eines Zusammengehörigkeitsgefühls, ob gut oder schlecht, wofür es auch in der heutigen Zeit (eher schlechte) Beispiele gibt.

Im nächsten Absatz wird sie noch deutlicher: Wer wie Mussolini oder Hitler versuche, eine Kohäsionsgesellschaft künstlich zu erschaffen, "wird ein Dämon".

[C] Hervorhebung nicht im Original

[D] Nicht abgebildet

Quellenhinweise

Aus: Maria Montessori, Das kreative Kind, Der absorbierende Geist

© 1991 Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Kursivsetzungen sind im Original. 

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