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Blitzlicht 5 aus der Forschungswerkstatt „Montessori-Pädagogik im Kontext des deutschen Nationalsozialismus" - Der "Augenzeuge"

Aus der historischen Forschungswerkstatt zur Montessori-Geschichte

1. Mai 1935: Nachdem Dr. Flores d’Arcais an der Universität Padua seine Habilitationsschrift „La pedagogia del Fascismo“ eingereicht hat, hält er nun auch die Urkunde in den Händen, die seine seit 1932 bestehende Mitgliedschaft in der „Partito Nazionale Fascista“ bestätigt. Eine Voraussetzung für seine weitere akademische Karriere in Mussolinis Italien. Maria Montessori hatte ein Jahr zuvor Italien im Konflikt mit der faschistischen Bildungsadministration verlassen. Sie sollte für mehr als ein Jahrzehnt nicht zurückkommen. Giuseppe Flores d’Arcais jedoch erlebte im „Ventennio“, den rund 20 Jahren (1922-1943) des italienischen Faschismus, drei Auflagen seiner „Pädagogik des Faschismus“. – Seltsam, dass ausgerechnet er sich später zum Richter über Montessoris „Anbiederung an den Faschismus“ aufschwang.

Auch bei heutigen Montessori-Pädagog:innen ist sein Name so gut wie unbekannt: Prof. Giuseppe Flores d’Arcais (1908-2004). Dabei markiert er einen Wendepunkt in der deutschen Montessori-Rezeption. Denn dieser italienische Erziehungswissenschaftler wurde seit Mitte der 1990er Jahre von Prof. Winfried Böhm zum Kronzeugen für die Behauptung aufgebaut, dass man die Montessori-Pädagogik fast 100 Jahre lang völlig falsch wahrgenommen hätte. Falsch, insofern man mit ihr Freiheit und Selbstbestimmung verbunden hatte. Flores und Böhm aber erklärten dieses Bild zur romantisierenden Fehlinterpretation. Winfried Böhm (geb. 1937), Ordinarius an der Uni Würzburg, war viele Jahre eine, wenn nicht die zentrale Figur im deutschen Montessori-Kosmos: Bereits seine Dissertation von 1969 behandelte die Montessori-Pädagogik, von 1987-2000 war er Präsident der Deutschen Montessori Gesellschaft (DMG)[1], in Montessori-Diplom-Kursen trat er als Dozent auf und schließlich entstanden unter seiner Ägide zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zur Montessori-Pädagogik. Von ihm betreute Dissertationen sorgten für Aufsehen in der Montessori-Szene, weil sie bemüht waren, harsche Kritiklinien auszubuchstabieren: Christine Hofer (2001)[2] behauptet in ihrer Arbeit über Montessoris Pädagogische Anthropologie, die Montessori-Pädagogik sei eigentlich Ausfluss des anthropometrischen Mess- und Vervollkommnungswahns, wie er um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Schwange war und von Montessori zur Grundlage ihrer Pädagogik gemacht worden wäre. Hélène Leenders (2001)[3] ist darum bemüht, den „Fall Montessori“ wegen der unbestrittenen zeitweisen Zusammenarbeit mit dem frühen Mussolini als ultimativen Sündenfall zu inszenieren.

la pedagogia del fascismo 1935 2. Auflage TITELSEITE

Böhm hatte das Narrativ der angeblichen Faschismus-Nähe Montessoris in die deutsche Erziehungswissenschaft eingeführt und den Italiener Flores d’Arcais als wichtigen und Authentizität verbürgenden Gewährsmann dafür vorgestellt. Er bezeichnete ihn als führenden Erziehungswissenschaftler Italiens[4] und ließ ihn als angeblich intim mit der Montessori-Bewegung vertrauten „Augenzeugen“ – Flores war 1949 bei einem Vortrag von Montessori in San Remo dabei – ein ums andere Mal aufmarschieren, um den Nimbus der Montessori-Pädagogik durch angeblich

profunde wissenschaftliche Analysen zu zerstören. Mit einem ganzen Schwung vergifteter Behauptungen, die ab Mitte der 1990er Jahre immer wieder gestreut wurden, versuchte Böhm mit Hilfe von Flores die Montessori-Pädagogik in ein problematisches Licht zu rücken:

Maria Montessori sei es nur darum gegangen, weltberühmt zu werden, dank der von ihr eingesetzten Propagandamethoden sei ihr das auch gelungen, obwohl ihre Methode eigentlich äußerst banal sei. Sie sei keine pädagogische Praktikerin, sondern hätte ihr Konzept aus theoretischen Prämissen abgeleitet. Montessori-Anhänger glichen einer tumben Sektengefolgschaft, gekennzeichnet durch starke Begeisterungsfähigkeit aber schwach ausgeprägtes wissenschaftliches Denken. Und schließlich weise die Montessori-Pädagogik historische und ideologische Affinitäten zum Faschismus auf, weshalb sie in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft keinen Platz habe.

Initial wurden diese Vorwürfe von Böhm und Flores in einer TV-Dokumentation des Bayerischen Rundfunks 1995[5] und in einem erstmals 1996 von Böhm in einem Montessori-Lesebuch publizierten Text[6] von Flores d’Arcais erhoben.

GFd Partei

Dass der in der Doppelrolle als Ankläger und Kronzeuge auftretende Prof. Flores d’Arcais in den Jahren des Mussolini-Regimes ein führender Propagandist des Faschismus war, blieb jahrzehntelang verborgen. Die zufällige Entdeckung seiner Habilitationsschrift mit dem Titel „La pedagogia del Fascismo“[7] aus dem Jahr 1935 (3., erweiterte Auflage 1937 als „Pensiero ed Azione“) lässt die von Böhm und Flores initiierte Montessori-Kritik in einem neuen Licht erscheinen. Denn diese Schrift ist keinesfalls eine kritische Auseinandersetzung mit Mussolinis Faschismus – sondern von der ersten bis zur letzten Seite eine Propagandaschrift, in der die gehorsame Unterordnung unter die faschistische Volksgemeinschaft und Kampf und Krieg als höchstes Ideal der Menschheit gepredigt werden. Und ausgerechnet Flores d’Arcais, von dem kein selbstkritisches Wort über seine aktive Rolle in der faschistischen Kampf-, Kriegs- und Erziehungspropaganda zu finden ist, bezichtigt Maria Montessori dann der „Anbiederung an den Faschismus“.[8] Es ist durchaus gut und richtig, dass man Montessoris Motive und Methoden einer kritischen Überprüfung unterzieht. Auch unser aktuelles Projekt ist darum bemüht. Dass aber der Vorwurf der Faschismus-Nähe, gleichsam eine Art moralischer K.O.-Schlag, ausgerechnet von Flores d’Arcais ins Feld geführt wird, wirft Fragen auf. Ginge es ihm um eine objektive Vergangenheitsaufarbeitung, hätte er allen Grund bei sich selbst anzufangen: Denn wir können heute anhand seiner wiederentdeckten Habilitationsschrift aus der Zeit Mussolinis feststellen, dass diesem Herrn weit mehr als Anbiederung oder ein taktisches Zweckbündnis mit dem Faschismus vorzuwerfen wäre. Denn seine Schrift „La pedagogia del Fascismo“ (1935) lieferte nicht weniger als die ideologische Rechtfertigung der totalitären Erziehung im Dienst des faschistischen Staates, wie in der Dissertation von Ute Schleimer[9] nachzulesen ist. Begriffe wie Kampf (lotta) und Krieg (guerra) stellen in Flores d’Arcais’ Schrift zentrale Pfeiler seiner Konzeption der faschistischen Pädagogik dar. Sie stehen im Zentrum einer erziehungstheoretischen Begründung, die den Menschen als Soldaten des Regimes versteht. Welche praktische Bedeutung Flores d’Arcais Kampfschrift im faschistischen Italien wirklich zukam, ist noch kaum erforscht – möglicherweise auch deshalb nicht, weil Flores sich nach dem Ende der faschistischen Diktatur in Italien geschickt als katholischer Erziehungs- und Medienphilosoph neu erfunden hat. Dementsprechend hat sich auch bisher niemand für die Belege der Mitgliedschaft in der Partito Nazionale Fascista (PNF) interessiert, die sich im Archivio Centrale dello Stato in Rom finden.[10]

Während Maria Montessori mit dem Faschismus in ihrer italienischen Heimat seit Anfang der 30er Jahre in immer stärkere Konflikte geriet, von Mussolinis Politischer Polizei an ihrem Wohnort in Barcelona bespitzelt wurde und ab 1932 Sorge haben musste, bei einer Rückkehr nach Italien verhaftet zu werden, und deshalb schließlich 1934 Italien auf Dauer den Rücken kehrte, um nach Ende des Zweiten Weltkriegs nur noch für kurze Besuche zurückzukehren – während wir also bei Montessori eine klare Abgrenzung zu Mussolinis autoritärem Regime und seiner Kriegspolitik feststellen können, diente sich Giuseppe Flores d'Arcais in jenen Jahren als Erziehungswissenschaftler dem faschistischen Regime erfolgreich an. Maria Montessori propagierte in den 1930er Jahren in international vielbeachteten Reden, z.B. 1932 in Genf und Nizza, Pädagogik als Friedenserziehung.[11] Flores d’Arcais dagegen rief zu Kampf und Krieg im Sinne des Faschismus auf. Man muss die widerliche Kriegspropaganda aus seiner Apologie des Faschismus in ihren hohlen Phrasen und subalternen Mussolini-Elogen hier nicht wiederholen. Es reicht festzuhalten, dass Flores d’Arcais ganz im Geiste von Mussolini die Bestimmung des Menschen im Kampf sieht und in diesem Weltbild erst der Krieg ein Volk zur Vollkommenheit reifen lässt.

Die Entdeckung der faschistischen Propaganda-Schriften von Flores wirft Fragen hinsichtlich der wissenschaftlichen Seriosität, dem historischen Wahrheitsanspruch und der persönlichen Glaubwürdigkeit der aus Würzburg und Padua orchestrierten Montessori-Kritik auf. Dass beide sich außerdem gegenseitig als führende Vertreter einer in der Scientific Community weitgehend unbekannten „personalistischen Pädagogik“ rühmen, ist dabei vielleicht nur eine bizarre Randnotiz.

Quellenangaben:

[1] Im Jahr 2000 wurde Böhm als Vorsitzender der DMG abgewählt. (vgl. https://deutsche-montessori-gesellschaft.de/ueber-den-verein/historie/) Wenn Böhm selbst auf seiner Webseite (vgl. http://www.winfried-boehm.de/biografie_de.html) schreibt, er sei bis 2002 „Präsident“ der DMG gewesen, scheint ein Irrtum vorzuliegen.

[2] Christine Hofer (2001): Die pädagogische Anthropologie Maria Montessoris – oder: Die Erziehung zum neuen Menschen. Würzburg: Ergon.

[3] Héléne Leenders (2001): Der Fall Montessori. Die Geschichte einer reformpädagogischen Erziehungskonzeption im italienischen Faschismus. (Aus dem Niederländischen von Petra Korte.) Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

[4] Zuletzt etwa in Böhm, Winfried (2010): Maria Montessori. Einführung und zentrale Texte. Paderborn: Ferdinand Schöningh. S. 228.

[5] Bayerischer Rundfunk (1995): Wo ich bin ist Freiheit. TV-Dokumentation über Maria Montessori und ihre Pädagogik. Bezug als DVD auch möglich über das Katholische Filmwerk, Frankfurt a.M.

[6] Flores d’Arcais, Giuseppe (1996): Einige Bemerkungen zum Montessorianismus. In: Böhm, Winfried (Hrsg.) (1996): Maria Montessori – Texte und Gegenwartsdiskussion. Klinkhardts pädagogische Quellentexte. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt. S. 118-121. Auch in seine bei Schöningh 2010 erschienene Einführung hat Böhm diesen Text übernommen.

[7] Flores d’Arcais, Giuseppe (1935): La pedagogia del Fascismo. Padova: Libreria A. Draghi di G. Randi FU G. B. [Seconda Edizione ebenfalls im Jahr 1935]

[8] Flores d’Arcais (1996), S. 120.

[9] Schleimer, Ute (2004): Die Opera Nazionale Balilla bzw. Gioventù Italiana del Littorio und die Hitler-Jugend – eine vergleichende Darstellung. Münster: Waxmann. S. 80-87.

[10] Flores d’Arcais, Giuseppe. In: Archivio Centrale dello Stato, Ministero della pubblica istruzione. Seconda serie 1930-1950, busta/fasciolo 210. Edificio. Centrale piano: scantinato, fila 72 colonna: 8-15, dal n. 1 al n. 522.

[11] Montessori, Maria (2025a): Frieden und Erziehung – Die Genfer Friedensrede (1932). In: Maria Montessori: Frieden und Erziehung – Gesammelte Werke Band 9. Hrsg. von Harald Ludwig in Zusammenarbeit mit Christian Fischer, Michael Klein-Landeck und Volker Ladenthin in Verbindung mit der Association Montessori Internationale (AMI). Freiburg i.Br.: Herder Verlag. S. 50-69.

 

Wie geht es weiter?

Die nächsten Blitzlichter sind in Vorbereitung und erscheinen in etwa monatlichen Abständen.

Unter anderem werden wir die enge Freundschaft zwischen Mario Montessori und Herbert Axster inkl. ihrer Familien beleuchten, die das geschäftliche Rückgrat sowohl der AMI als auch der Zusammenarbeit zwischen VMPD und AMI damals darstellte.

Die Sinnfälligkeit unseres Projektmottos bestätigt sich: „Wir wollen die Vergangenheit kennen, um für die Zukunft zu lernen.“ Es zeigt sich, wie der Streit um Pädagogik und Macht der gesamten deutschen Montessori-Bewegung nach innen und außen bedeutend schadete und die Montessoris vor gravierende Dilemmata stellte.

Bereits bekannt ist, dass nach der Machtergreifung, mit dem Berufsverbot von Juden und politischen Abweichlern ab April 1933, viele Montessori-Einrichtungen schließen mussten. Die Projektergebnisse machen deutlicher, vor welchem Dilemma die deutsche Montessori-Bewegung stand, noch zu retten, was gerettet werden konnte.

Finanzierung des Forschungsprojekts

Das Forschungsprojekt „Montessori-Pädagogik im Kontext des deutschen Nationalsozialismus“ wurde mit der Maßgabe aufgesetzt, vollständig aus Drittmitteln finanziert zu werden, also das Budget des Bundesverbands nicht zu belasten. Auch wenn das Projekt durch die großzügige Zuwendung einer Stiftung finanziell unterstützt wird, bleibt eine zu schließende Lücke von ca. 30.000 €, für die wir interessierte Personen oder Organisationen um Spenden bitten, um das Projekt finanziell endgültig absichern zu können. Mehr Infos gibt es hier.

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