Blitzlicht 7 aus der Forschungswerkstatt: Die „Vorgänge in Helsingør" 1929
Die „Vorgänge in Helsingør"
Die Gründung der AMI im August 1929 war sowohl ein Meilenstein, um die weltweite Montessori-Bewegung zusammenzuführen, als auch eine Zäsur:
Helsingør, August 1929. Auf Schloss Kronborg findet vom 8. bis 21. August der 1. Internationale Montessori-Kongress statt. Die Veranstaltung ist zwar Teil des dortigen großen Kongresses des Weltbundes für die Erneuerung der Erziehung mit 2.000 Teilnehmern aus 40 Ländern – aber er ist gleichzeitig die sichtbare Manifestation der Bestrebungen von Maria und Mario Montessori, ihre weltweite Anhängerschaft in eine fest umrissene Organisationsform zu überführen.
Auf dem Kongress in Helsingør eröffnet Maria Montessori am 20. August den Vertretern der Montessori-Organisationen aus den verschiedenen Ländern ihre Pläne zur Gründung einer internationalen Montessori-Dachorganisation. Eigentlich ein Grund zur Freude, sollte man meinen. Aber die konkrete Ausgestaltung der Spielregeln, denen sich die nationalen Verbände unterwerfen sollten, ließ manchen Kongress-Teilnehmer – je nach Temperament – sprachlos oder wütend zurück:
Maria Montessori wollte sich in allen wesentlichen Personal-, Publikations-, Ausbildungs- und Finanzfragen das letzte Wort vorbehalten. Und: Ein Gutteil der nationalen Erlöse sollte sozusagen als Lizenzgebühr und für die zentrale Verwaltung an die AMI abgeführt werden.
(Bildquelle: Staatsarchiv Freiburg; Datumsangabe 20.08.1929: Camillo Grazzini. The Four Planes of Development. In: The NAMTA Journal Winter 2004 )
„Sein oder Nichtsein – das ist hier die Frage“
Schloss Kronborg in Helsingør ist durch Shakespeare zu einem geradezu mythischen Ort geworden. Dort spielte seine vielleicht berühmteste Tragödie. Hier spricht Hamlet die Worte: „To be, or not to be: that is the question.“ – Ein ähnliches Dilemma wird Maria und Mario Montessori gequält haben, als sie an eben jenem schicksalhaften Ort im August 1929 ihre Pläne verkündeten. Sie gingen, wie man heute zu sagen pflegt, „all in". Alles, oder nichts – das war es, was sie ihren internationalen Kooperationspartnern als Perspektive vorlegten:
Entscheidet euch für die Dottoressa und werdet Mitglied in unserer Organisation, dann sind wir an eurer Seite – oder lasst es bleiben; dann könnt ihr machen, was ihr wollt – aber dann dürft ihr meinen Namen nicht weiter verwenden. Schluss mit dem Wildwuchs von Montessori-something. Wir gründen eine weltumspannende Körperschaft, deren nationale Vertretungen von mir ohne Wenn-und-aber angeführt werden und die 20% ihrer Einkünfte an mich abzuführen haben. Die scharfzüngige und streitbare Montessori-Pädagogin Dr. Käthe Stern aus Breslau sollte Montessoris ultimative Erwartung wenige Wochen später in einem Brief auf die Formel bringen: „Geld und unbedingter Gehorsam."
Die Tagung in Helsingør erscheint daher gleichzeitig als Meilenstein wie als Wendepunkt in der Entwicklung der Montessori-Bewegung.
Der Wendepunkt als historiographische Leerstelle?
Die mit der Gründung der „Società Montessori Internazionale“, 1932 in „Association Montessori Internationale“ (AMI) umgetauft, auf den Weg gebrachte verbindliche Strukturierung von pädagogischen Inhalten und organisatorischen Rahmungen gewährleistete einerseits klare Orientierung – sie stieß andererseits eine ganze Reihe von Anhänger:innen und Sympathisant:innen vor den Kopf, die sich von Montessoris Ideen zwar inspirieren ließen. Die aber dennoch ihre Selbständigkeit in pädagogischer, organisatorischer und finanzieller Hinsicht gewahrt wissen wollten.
Die Sichtung von neu gehobenen historischen Dokumenten lässt den Eindruck entstehen, dass der Preis für die organisatorische Geschlossenheit der AMI recht hoch war – denn immer wieder begegnet man unbestimmten, aber vielsagenden Formulierungen, die auf die „Vorgänge in Helsingør“ Bezug nehmen. Gleichzeitig müssen wir konstatieren, dass man seltsamerweise weder in der wissenschaftlichen Montessori-Historiographie noch in den offiziellen Montessori-Archiven zu den fraglichen Vorgängen Einzelheiten erfahren kann. Trotz intensiver Recherchen in Dutzenden von Archiven ist uns bislang kein Protokoll, keine Akte, kein Planungspapier, keine in Helsingør gehaltene Rede zur neuen Organisation, keine Gesprächsnotiz begegnet – nichts, was Licht ins Dunkel bringen könnte.
Puzzleteile zu den „Vorgängen“
Die Rekonstruktion läuft zwangsläufig auf eine Art Interpolation hinaus. Die wichtigsten bekannten Bruchstücke sollen kurz vorgestellt werden.
Die London Times vom 08.05.1929 berichtete anlässlich eines Besuchs von Maria Montessori in London bereits davon, dass eine internationale Montessori-Gesellschaft sich in Gründung befinde. Wörtlich: „an International Montessori Society was being founded”.
Dieser Bericht kann als eindeutiger Beleg gelesen werden, dass – wenngleich man später statt von einer „Società“ von einer „Association“ sprach – die AMI-Gründung spätestens bereits im Frühjahr 1929 auf der Agenda von Maria und Mario Montessori stand und keine spontane Eingebung beim Kongress war.
Im Staatsarchiv Freiburg findet man das Programm des Montessori-Kongresses und ein Anmeldeformular. Eine Liste der Teilnehmer der großen Weltbund-Tagung, in der auch die Herkunftsländer sowie die temporäre Unterkunft in Helsingør verzeichnet sind, konnte uns freundlicherweise das AMI-Archiv, Amsterdam, zur Verfügung stellen. Darin finden wir nicht nur Hilde Hess, sondern auch Ilse Axster, die gemeinsam mit ihrem Mann, dem Berliner Patentanwalt Dr. Herbert Axster, spätestens ab diesem Zeitpunkt eine führende Rolle in der deutschen Montessori-Anhängerschaft übernehmen sollte.
Dass sich am Rande – wahrscheinlich nicht nur bei dieser Montessori-Tagung – menschliche Dramen abgespielt haben, kann man vermuten. Für einzelne Fälle gibt es auch Berichte. Dass sich Elsa Ochs (Vorstandsmitglied der Deutschen Montessori-Gesellschaft) in ihrem Lebensbericht „Das Dreimäderlhaus“ beklagt, ihr wäre in Helsingør der Zugang zu Montessoris Vorträgen verwehrt worden, haben wir bereits in Blitzlicht 6 festgehalten.
Schon Rita Kramer berichtete über die wechselhafte Beziehung von Maria Montessori zu Elise „Lisl“ Herbatschek, später verheiratet als Lisl Braun. Diese war als ausgezeichnete Pianistin und Musikpädagogin für die auf diesem Gebiet weniger talentierte Maria Montessori wichtig – umso mehr war Montessori 1927 scheinbar unversöhnlich sauer, als Lisl Braun ein Angebot wahrnahm, nach Indien zu gehen. Zwar ebenfalls im Dienst der Sache der Montessori-Pädagogik – aber eben ohne Montessoris Placet, die andere Pläne mit Lisl hatte. In Helsingør kam es zur großen Versöhnung:
„No words can describe my relief and joy,” the younger one remembered later, „when the Dottoressa took me into her arms. She had forgiven me.” (Kramer 1975, p. 492, die hier aus Lisl Brauns Erinnerungen zitiert)
Während Montessori und Lisl Braun sich also in den Armen lagen, musste die verstoßene Elsa Ochs draußen bleiben. Sie unternahm, wie sie in ihrem Lebensbericht schreibt, dann mit ihrer Freundin Hertha Strönisch „eine kleine Spritztour nach Schweden“.
Kongressbericht von Hilde Hess (Freiburg)
Merkwürdigerweise besitzen wir eine beträchtliche Anzahl von Berichten über den Kongress in Nizza von 1932, während uns für Helsingør bisher nur ein einziger Bericht bekannt ist. Nämlich der der Freiburger Montessori-Lehrerin Hilde Hess, der im Badischen Staatsarchiv, Freiburg, gehoben werden konnte:
„Ursprünglich sollte der Montessori-Kongress vom 23. bis 29. August 1929 in Kopenhagen stattfinden. Da erhielt ich Ende Juli die Nachricht, dass die Montessori-Tagung nach Helsingör verlegt sei und mit der Weltkonferenz für Erneuerung der Erziehung verbunden werde. […] Es waren etwa gegen hundert Teilnehmer aus verschiedenen Ländern da, wie Amerika, Dänemark, Deutschland, England, Holland, Indien, Italien, Österreich, Schweden, Ungarn. […] Obgleich Deutschland auch stark vertreten war, gelang es mir erst spät, nach scharfem Protest eine Übersetzung ins Deutsche zu erwirken. […] Dabei fiel mir bei persönlichen Unterredungen auch ein Unterschied zwischen den Vertretern der Montessori-Methode auf, sie scheiden sich in solche, die sich kritiklos an die Methode anschliessen, während die anderen eigene Gedanken und Erfahrungen mit der Methode zu einem Ganzen verarbeiten.“
Quelle: Bad. Ministerium des Kultus und Unterrichts / (1847-1944) 1945-1952 (1953-1959) > Schulwesen allgemein > Sonstiges > Unterricht nach der Montessori-Methode / 1925-1952. Vorsignaturen: F 110/12 Nr. 1. Signatur: Staatsarchiv Freiburg C 25/4 Nr. 268. 121-140 von 222 digitalen Reproduktionen.
Außerordentliche Mitgliederversammlung der DMG
In den (letzten) Montessori-Nachrichten, dem Mitteilungsorgan der Deutschen Montessori Gesellschaft (DMG), vom September 1929 heißt es:
„Bericht aus der Sitzung des Hauptvorstandes am 29. August 1929.
Infolge der Vorgänge in Helsingör erklären Fräulein Grunwald, Frl. Ochs, Frau Simion und Frl. Strönisch ihren Austritt aus dem Vorstand. Die übrigen Berliner Vorstandsmitglieder können unter diesen Umständen nicht weiterarbeiten. Infolgedessen wird beschlossen, zum Donnerstag, dem 3. Oktober, abends 20 Uhr, im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht, Berlin. Potsdamer Straße 120. eine außerordentliche Generalversammlung einzuberufen mit folgender vorläufiger Tagesordnung:
1. Rücktritt des Vorstandes.
2. Auflösung der Reichsorganisation“
Ob die angekündigte außerordentliche Generalversammlung am 03.10.1929 dann tatsächlich stattgefunden hat und die Auflösung beschlossen wurde, ist unklar. Klar erscheint, dass die Rücktritte von Grunwald, Ochs, Simion und Strönisch vollzogen wurden – denn in späteren Dokumenten tauchen neue Namen als DMG-Vertreter auf: Eva von der Dunk, Dr. Käthe Stern, Geheimrat Prof. August Hertwig, Prof. Paul Gerhards. Es spricht sogar einiges dafür, dass die Auflösung stattfand, und nur die Berliner Ortsgruppe weiter bestand. Schriftliche Belege dazu sind aber bislang nicht aufgetaucht.
Die Schärfe der Auseinandersetzung
Clara Grunwalds enttäuschte Abwendung von Montessori, nachdem die ihr sozusagen die Ausbildungsberechtigung entzogen hatte, ist lange bekannt und gut dokumentiert. Das Bild, das die zahlreichen Publikationen zu Grunwald seit Ende der 1990er Jahren zeichneten, deutet eher auf demütiges Unverständnis und stillen Protest hin. Dass Grunwald selbst auch eine durchaus durchsetzungsstarke Persönlichkeit war, die sich keineswegs angesichts eines Montessori-Banns in den Staub zu werfen beabsichtigte, ergibt sich aus den Schilderungen von Elsa Ochs (vgl. Blitzlicht 6).
Weitere, bisher unbekannte Dokumente vervollständigen das Bild der ziemlich erbitterten Auseinandersetzungen nach den „Vorgängen in Helsingør“. Man muss die Geschichte der Montessori-Bewegung wahrscheinlich nicht neu schreiben - aber die Schärfe der Auseinandersetzung zwischen den unterschiedlichen Fraktionen in der Montessori-Anhängerschaft kommt in vielen neu gefundenen Dokumenten ziemlich unverblümt zum Ausdruck.
Die Breslauer Montessori-Pädagogin Dr. Käthe Stern etwa – auf deren wichtige, aber bislang unbekannte Rolle in diesen Jahren wir in einem späteren Blitzlicht näher eingehen werden – klagt noch in einem Brief vom 16.02.1933 über „die ekelhaftesten Beschimpfungen der Axterei [sic!] in offiziellen Blättern“.
Geld und unbedingter Gehorsam
Direkt nach dem Kongress hatte sie, die als Mathematikdidaktikerin nach ihrer Emigration in die USA später im Austausch mit Albert Einstein und Max Wertheimer stand, in einem undatierten, vermutlich aus dem Oktober 1929 stammenden Schreiben die Situation so charakterisiert:
„Wir haben eine Deutsche Montessori-Gesellschaft, die sich aus Ortsgruppen zusammensetzt, und diese Ortsgruppen wählen den zentralen Vorstand der Gesellschaft. Dieser Zentralvorstand ist an den Aufgaben gescheitert, mit der Urheberin der Methode, der Frau Dr.Montessori zu einem gesunden Verhältnis zu kommen. Frau Dr.Montessori ist eine bedeutende Persönlichkeit, der wir deutschen Montessori-Lehrerinnen einen übereinstimmenden grossen Respekt entgegenbringen. Die Schwierigkeiten, die entstanden sind, schreiben sich daher, dass sie 2 Dinge ausser unserem Respekt und unserer Bereitwilligkeit, für ihre Ideen zu wirken, fordert, die sich in dem geforderten Umfange nicht erreichen lassen: Geld und unbedingten Gehorsam.“
Die Montessori-pädagogische Praxis in der Zwickmühle
Neben den organisatorischen und finanziellen Fragen, die z.B. von Käthe Stern pointiert angesprochen wurden, wird man auch eine weitere Dimension, nämlich die eigentlich pädagogische, berücksichtigen müssen: Es gab von Maria Montessori selbst ausgearbeitet erst nur unvollständige Konzepte und Materialien jenseits des "Kinderhaus-Alters" - weshalb für die wenigen Montessori-Versuchsklassen im (Grund-)Schulalter sozusagen auf eigene Faust extrapoliert und improvisiert wurde. Rainer Völkel, ehemaliger Vorsitzender der DMG bemerkte hierzu neulich in einer E-Mail:
„Montessoris Gesamtkonzept, so wie wir es heute kennen, war in den 20-30er Jahren noch bei weitem nicht fertig. Der Teil 0-3 fehlte noch ganz, der Schulteil 6-12 wurde erst in Indien fertig und zu 12-18 Jahren gab es erste Ansätze in Holland. Diese blieben jedoch wegen des Krieges ‚unvollendet‘. Kein Wunder, dass viele, wie Käthe Stern, selbstständig weiter dachten und handelten.“
Dass Montessori ausgerechnet in dieser Situation alle eigenständigen Erweiterungen als unzulässig deklarierte und absolute Linientreue einforderte, ist im Nachhinein tragisch.
Wie geht es weiter?
Die nächsten Blitzlichter sind in Vorbereitung und erscheinen in etwa monatlichen Abständen.
Unter anderem werden wir die enge Freundschaft zwischen Mario Montessori und Herbert Axster inkl. ihrer Familien beleuchten, die das geschäftliche Rückgrat sowohl der AMI als auch der Zusammenarbeit zwischen VMPD und AMI damals darstellte.
Die Sinnfälligkeit unseres Projektmottos bestätigt sich: „Wir wollen die Vergangenheit kennen, um für die Zukunft zu lernen.“ Es zeigt sich, wie der Streit um Pädagogik und Macht der gesamten deutschen Montessori-Bewegung nach innen und außen bedeutend schadete und die Montessoris vor gravierende Dilemmata stellte.
Bereits bekannt ist, dass nach der Machtergreifung, mit dem Berufsverbot von Juden und politischen Abweichlern ab April 1933, viele Montessori-Einrichtungen schließen mussten. Die Projektergebnisse machen deutlicher, vor welchem Dilemma die deutsche Montessori-Bewegung stand, noch zu retten, was gerettet werden konnte.
Finanzierung des Forschungsprojekts
Das Forschungsprojekt „Montessori-Pädagogik im Kontext des deutschen Nationalsozialismus“ wurde mit der Maßgabe aufgesetzt, vollständig aus Drittmitteln finanziert zu werden, also das Budget des Bundesverbands nicht zu belasten. Auch wenn das Projekt durch die großzügige Zuwendung einer Stiftung finanziell unterstützt wird, bleibt eine zu schließende Lücke von ca. 15.000 €, für die wir interessierte Personen oder Organisationen um Spenden bitten, um das Projekt finanziell endgültig absichern zu können. Mehr Infos gibt es hier.