Screenshot 2026 01 08 104455

Blitzlicht 9 aus der Forschungswerkstatt: Verbot der Montessori-Einrichtungen in den Jahren 1933-1936 – Das Beispiel Guben

Einleitung

Montessori-Pädagogik war in der Weimarer Republik am stärksten verbreitet in privaten Kinderhäusern für den vorschulischen Bereich (Kindergartenalter). Nur in wenigen Einzelfällen gab es Montessori-Ansätze im schulischen Bereich, etwa als genehmigte Versuchs- oder Modellklassen in staatlichen Schulen (Berlin-Wilmersdorf, Jena), als Montessori-Methodik, umgesetzt durch einzelne Montessori-Lehrkräfte an staatlichen Schulen in Eigenregie (Clara Grunwald) oder als Montessori-Zweig an einer Privatschule (Toni Lessler-Schule in Berlin-Grunewald).

Zusätzlich gab es vorschulische Einrichtungen, in denen Schüler mit Montessori-Methode unterrichtet wurden, für die ein (amts-)ärztliches Attest vorlag, dass sie aufgrund Krankheit oder Entwicklungsverzögerungen noch nicht schulreif seien, obwohl sie vom Alter her schulpflichtig gewesen wären. Mit diesem „Trick“ arbeitete z.B. Dr. Emmy Bergmann, die Schwester von Clara Grunwald, in Freiburg i.Br. Und auch der Gubener Kindergarten-Verein e.V., der 1932 einen Antrag auf Zulassung einer Montessori-Versuchsschule eingereicht hatte, der abgelehnt worden war, hatte anschließend auf Basis von ärztlichen Attesten Kinder von der Schulpflicht befreien lassen, um sie länger im Montessori-Kinderhaus zu behalten.

Aufgrund der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg ist der Archivbestand gerade auch in Berlin stark ausgedünnt. Aus dem archivpflichtigen amtlichen Schriftverkehr sind oft nur einzelne Schriftstücke, und diese am ehesten in den dezentralen Landes- und Stadtarchiven, auffindbar. Die konkreten Verfügungen, Anordnungen und Erlasse, die im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltungspolitik ein freies Schulwesen abschalten sollten, liegen uns auch nach Dutzenden von Archiv-Recherchen noch immer nur sehr lückenhaft vor.

Immerhin lassen sich einige Konturen des Wechselspiels von Einschränkungen und drohendem Verbot einerseits und andererseits den Bemühungen auf Seiten der Montessori-Einrichtungen und -Verbände, Spielräume zu erhalten, inzwischen erkennen. Und obwohl mancher Archiv-Fund mehr Fragen aufwirft, als Fragen zu beantworten, lässt sich für das Schicksal der Montessori-Pädagogik in den 1920er und 1930er Jahren folgende Grobskizze erstellen:

Ablehnung Schulversuch Guben

Montessori-Einrichtungen in der Weimarer Republik 

Neben einigen Dutzend Kinderhäusern im vorschulischen Bereich, sind in der Weimarer Republik ab 1925 nur ein knappes Dutzend staatliche Schulversuche (z.B. in Jena) oder private Montessori-Schulen (z.B. Ernst Bulowas Schule in Berlin-Wilmersdorf) oder Montessori-Klassen (z.B. an Toni Lesslers Waldschule in Berlin-Grunewald) nachweisbar.

Das damalige reformpädagogik-freundliche Klima dokumentierte sich in Stellungnahmen von Prominenten aus allen gesellschaftlichen Bereichen (Beispiel: Thomas Mann und Konrad Adenauer im Ehrenausschuss des VMPD) und auch in einer oftmals wohlwollenden Genehmigungspraxis der staatlichen Schulbehörden.

Dieses Wohlwollen erhielt durch die Spaltung der deutschen Montessori-Bewegung in DMG und VMPD ab dem Jahr 1930 einen empfindlichen Dämpfer (vgl. Blitzlicht 3). 

Die gegenseitigen Beschimpfungen als „katholisch-faschistisch“ (DMG über VMPD) oder „kommunistisch-jüdisch“ (VMPD über DMG) verhärteten intern die Fronten und mussten auf Außenstehende befremdlich wirken.

So beschreibt Herbert Axster einem Brief vom 18.01.1933 an Mario Montessori zurückblickend die verfahrene Situation so, dass die Mitglieder der alten DMG sagen, dass sie nicht mit Maria Montessori zusammenarbeiten können, „because Dr. M. is now absolutely Fascist and Catholic. The old society renounced to join with us because the greatest part of their members are socialists and communists, which could never join with a fascistic society. A big part of all the teachers of the old society are jews and socialists and communists.”

Mit fascist society („faschistischen Gesellschaft“) gemeint ist nicht der VMPD, sondern die italienische Opera Nazionale Montessori, die unter ihrem Präsidenten Bodrero in 1931-1932 versuchte, ausländische Montessori-Verbände als Partner zu gewinnen – während der VMPD daran arbeitete, die verschiedenen nationalen Montessori-Gesellschaften unter dem Dach der AMI zu vereinigen.

Systematische Restriktions- und Verbotspolitik

Mit der Machtergreifung der Nazis am 30.01.1933 setzte eine systematische Restriktions- und Verbotspolitik ein. Gelder wurden gestrichen, die Genehmigung von Schulversuchen wurde widerrufen.

Das Zurückdrängen und Austrocknen der Montessori-Pädagogik im NS-Staat erfolgte durch verschiedenste Maßnahmen, mit unterschiedlichen Ansatzpunkten. Das Beschäftigungsverbot jüdischer oder als sozialistisch/kommunistisch eingestufter Beschäftigte im Staatsdienst, im Rahmen des euphemistisch so genannten „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 07.04.1933, traf Montessori-Lehrkräfte (wie etwa Clara Grunwald) an staatlichen Schulen. 

Auch wurden mit Verweis auf Erlasse des Reichs- und Preußischen Kultusministers Schulräte aktiv und verfügten, dass keine neuen Kinder mehr aufgenommen werden dürften.

Schließlich geschah die direkte Schließung von Montessori-Kinderhäusern und zuvor genehmigter Montessori-Versuchsklassen wie beispielsweise in Freiburg i.Br. (s. Blitzlicht 3):

Noch am 27.02.1933 schrieb der badische Kultusminister an das Stadtschulamt Freiburg i.Br.: „Gegen die Bildung einer neuen Montessori-Klasse unter Leitung der Lehrerin Heß für die nächsten zwei Jahre habe ich keine Bedenken.“ Am 05.05.1933 berichtet das Stadtschulamt dem badischen Kultusminister in Karlsruhe, dass die Zustimmung vom 10. März zur Neubildung einer Montessori-Grundschulklasse am 28. April vom Oberbürgermeister Freiburgs widerrufen worden sei.

Im Ergebnis wurde von 1933 bis 1936 der Großteil der Montessori-Einrichtungen in Deutschland geschlossen oder umfunktioniert.

Oberhausen Erlass 1936

Intensivierung der NS-Anstrengungen März/April 1936

Ende März, Anfang April 1936 scheint es eine Intensivierung der NS-Anstrengungen gegeben zu haben, nicht-konforme pädagogische Einrichtungen zu verbieten.

Beispielsweise leitet der „Oberpräsident der Rheinprovinzen, Abteilung für höh. Schulwesen“ am 8. April einen Erlass aus Berlin vom 31. März weiter, in dem der „Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung“ unter dem Aktenzeichen E VI 486 E IIa/dM schreibt:

„Nachdem veranlasst worden ist, dass in die noch bestehenden Montessori-Schulen von Ostern 1936 ab Schüler(innen) nicht mehr aufgenommen werden, sind die noch bestehenden Montessori-Kindergärten und -häuser aufzulösen.

Ich bitte, das Weitere hinsichtlich des Montessori-Kinderhauses der Mädchenmittelschule in Oberhausen, das dem Sozialpädagogischen Lehrgang als Übungsstätte dient, zu veranlassen und mir darüber zu berichten.“

Wie sich aus zwei weiteren erhaltenen Brief-Abschriften ergibt, war das Montessori-Kinderhaus in Oberhausen aber zu diesem Zeitpunkt bereits seit 3 Jahren gar nicht mehr in Betrieb.

Am 20.04.1936 teilt der Kreisschulrat Kahnert im brandenburgischen Guben dem dortigen Kindergartenverein den Auflösungs-Erlass mit:

„Der Herr Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat durch Erlaß E 6 Nr. 464 E 2 M vom 27.3. angeordnet, daß die noch bestehenden Montessori-Kindergärten und -heime aufzulösen sind. Ich bin beauftragt, das Erforderliche …“

„Abbau der privaten Vorschulen und Vorschulklassen“

Ein Erlass vom 04.04.1936 verfügt reichsweit den „Abbau der privaten Vorschulen und Vorschulklassen“.*  Gleich die ersten Sätze signalisieren: Jetzt wird es ernst!

„Die Beibehaltung privater Vorschulen und Vorschulklassen widerspricht den nationalsozialistischen Erziehungsgrundätzen. Der Fortbestand dieser Einrichtungen, die der konfessionellen oder standesmäßigen Sonderung Vorschub leisten, ist mit dem Gedanken der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft unvereinbar. Von jedem im grundschulpflichtigen Alter stehenden gesunden deutschen Kinde muß grundsätzlich der Besuch der öffentlichen Volksschule verlangt werden."

* In: Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Amtsblatt des Reichs- und Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Unterrichtsverwaltungen der anderen Länder. 2. Jahrgang, 1936, Heft 8, S. 187

Ob dieser Erlass eine tatsächliche Bedeutung in Bezug auf das Zurückdrängen der Montessori-Einrichtungen hatte, ist unklar. Fest steht, dass er zeitlich in engem Zusammenhang mit anderen restriktiven Aktivitäten steht, die in diesen Wochen aus dem Hause des Reichskultusministers Rust lanciert wurden. – Offen ist, ob es überhaupt in den Jahren der Weimarer Republik und im beginnenden Nationalsozialismus schulische Montessori-Einrichtungen gegeben hatte, die unter diesen Erlass zu subsumieren waren. Denn die damalige Vorschule ist, so das „Wörterbuch der Pädagogik“ (15. Auflage, 2000, hrsg. von Winfried Böhm, S. 563):

„nicht zu verwechseln mit Vorschulerziehung, eine dreijährige schulgeldpflichtige öffentliche oder private Vorbereitungsanstalt für höhere Schulen, früher v.a. in Preußen verbreitet. 1919 durch die Weimarer Verfassung aufgehoben und 1920 auf Grund des Reichsgrundschulgesetz durch die für alle Kinder verbindliche Grundschule abgelöst.“

Überleben als Montessori-Kinderhaus in der NS-Zeit?

Ein solches Kapitel kann indessen vorläufig noch nicht geschrieben werden: Wie es drei Einrichtungen gelingen konnte, irgendwie unterhalb des Radars zu bleiben oder durch uns bisher nicht bekanntes Taktieren oder Paktieren, sich in der NS-Zeit durchzumogeln, bleibt unklar.

  • Berichtet wird jedenfalls, dass Luise Raskin, 1929 bis 1934 bei Adenauers in Köln Kindermädchen, in Köln-Deutz 1934-1939 einen privaten Kindergarten in Anlehnung an Montessori geleitet hatte.
  • Grete Aurin, die später gemeinsam mit Prof. Hellbrügge die inklusive Montessori-Pädagogik maßgeblich initiierte, konnte ihr in Nordhausen im Oktober 1933 gegründetes Montessori-Kinderhaus ebenfalls durch die Jahre der NS-Diktatur führen.
  • Schließlich existierte ein auf Dr. Herbert Axster eingetragenes Kinderhaus in Berlin-Wilmersdorf, trotz negativer Besuchsberichte des Gesundheitsamts, noch 1943. 

Zu allen drei Einrichtungen wissen wir wenig – jedenfalls wissen wir nicht, ob es einfach nur Glück, oder eine besondere Taktik war, was ihr Überleben ermöglichte. Auszuschließen ist auch nicht, dass zusätzlich zur Mitgliedschaft in der NSDAP oder im NS-Frauenbund weitere persönliche Verstrickungen in den NS-Machtapparat zu Tage treten könnten. Eine Maßnahme war sicherlich die Verleugnung der Montessori-Orientierung und das (nicht immer erfolgreiche) Verstecken der Montessori-Materialien, wenn Visitationen drohten.

Axster Kita 1938a

Montessori-Kinderhaus in Guben, Brandenburg

Zeitleiste 1931-1936 

ca. 1931 Gründung des Gubener Kinderhauses durch Annemarie Amram (1907-1994), Quäkerin mit jüdischer Abstimmung, „als Alleinunternehmerin mit dem Erbe ihrer früh verstorbenen Eltern“ (Gubener Heimatbrief Nr. 1/2001 mit Bericht „Erinnerung an den Montessori-Kindergarten und anderes im alten Guben” von Andreas Goeschen)

21.03.1932 Genehmigungsgesuch für einen Montessori-Grundschulversuch

28.05.1932 Ablehnung des Gesuchs

15.08.1933 Gleichschaltung des Gubener Kindergartenvereins als nationalsozialistischer Betrieb

16.08.1933 Schulrat Kahnert wird als Beirat in den Vorstand des Gubener Kindergarten-Vereins berufen

Mitte 1934 Der Jahresbericht (eigentlich für 1933) des Kindergartens dokumentiert einen Vortrag der Leiterin Frl. Amram über ihre Teilnahme am Montessori-Kongress in Rom (April 1934) mit dem Ziel „den Glauben an die Montessori-Pädagogik als Baustein für Adolf Hitlers Menschengestaltung für das 3. Reich" zu betonen (genaues Datum unklar) 

15.08.1934 Die bisherige Leiterin Frl. Amram wird wegen sozialistischer Haltung durch Frl. Terheggen ersetzt (genaues Datum unklar; eine Notiz erwähnt „nicht vor 15.08.“)

10.12.1934 Der Regierungspräsident aus Frankfurt/Oder ersucht mit Frist bis 10.01.1935 um Feststellung, ob sich im jeweiligen „Aufsichtskreis“ Schulen und Kinderhäuser des „Vereins Montessori Pädagogik Deutschland“ befinden und ob nach den dortigen Erfahrungen ggfs. Bedenken gegen das Weiterbestehen des Vereins oder seiner Anstalten erhoben werden

10.01.1935 Dr. Axster sendet drei Vorträge von Montessori, gehalten in Rom 1934, an den Gubener Schulrat Kahnert

12.01.1935 Schulrat Kahnert beantwortet die Anfrage des Regierungspräsidenten vom 10.12.1934, dass es ein Montessori-Kinderheim in Guben gibt, geleitet von Frl. Terheggen. Die Vorgängerin, Frl. Amram sei abgelehnt worden, weil sie früher Mitglied der SPD gewesen war

16.01.1935 Nora Schmidt sendet als Vorsitzende des Gubener Kindergartenvereins e.V. an Kreisschulrat Kahnert einen Jahresbericht, der das Datum 13.08.1934 trägt. Er beginnt mit dem Satz:

„Am 15. August 1933 fand die Gleichschaltung des Gubener-Kinderhauses e.V. statt, welche dem Betrieb einen nationalsozialistischen Vorstand unter Führung des Kreiskulturwarts brachte.“

01.04.1935 Maria Terheggen, geb. am 10.09.1905 in Krefeld, katholisch, unterzeichnet den von ihr ausgefüllten „Fragebogen“ bezügl. Herkunft und Mitgliedschaft in politischen Parteien und Vereinen. (Mutmaßlich) Kahnert bestätigt die Angaben in einer handschriftlichen Notiz vom 12.04.1935

20.04.1936 Kreisschulrat Kahnert teilt dem Kindergartenverein den Auflösungserlass mit:

„Der Herr Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat durch Erlaß E 6 Nr. 464 E 2 M vom 27.3. angeordnet, daß die noch bestehenden Montessori-Kindergärten und -heime aufzulösen sind. Ich bin beauftragt, das Erforderliche …“

Dem Einspruch des Vereins dagegen wird nicht stattgegeben – aber auf die sofortige Auflösung verzichtet. Festgelegt als Schließungsfrist wird der 1.7.

02.05.1936 Kahnert berichtet dem Regierungspräsidenten und bittet darum, dem Verein die Frist bis zum 1.7. „zur ordnungsgemäßen Durchführung“ zu lassen

27.06.1936 Die Vorsitzende des Kindergarten-Vereins Nora Schmidt meldet an Kahnert Vollzug der Auflösung und bedankt sich für dessen Fürsorge und Wohlwollen

Erläuterungen zu den vergeblichen Beschwichtigungsversuchen in Guben

Die Akte, gefunden im Landesarchiv Brandenburg in Potsdam, beginnt mit dem abgelehnten Gesuch um Genehmigung eines Grundschulversuchs im Jahr 1932. Wahrscheinlich war also erst ab diesem Datum das Kreisschulamt bzw. der Kreisschulrat zuständig, weshalb die Akte erst mit diesem Vorgang einsetzt. Für den bereits länger existierenden Gubener Kindergartenverein e.V. liegen uns aus früherer Zeit bislang keine Akten vor. In Guben versucht der Kindergartenverein e.V., der ein privates Montessori-Kinderhaus betreibt, am 21.03.1932 einen Grundschulversuch anzumelden und legt dafür Anträge auf Beurlaubung von der Schulpflicht an der örtlichen Grundschule für 7 Kinder vor.

Nachdem dieses an den Minister gerichtete Gesuch am 28.05.1932 durch die „Regierung, Abteilung Kirchen- und Schulwesen“, ansässig in Frankfurt/Oder, abgelehnt wurde, werden in einem zweiten Anlauf im Juni/Juli 1932 ärztliche Atteste dem „Kreisarzt von Stadt und Landkreis Guben“ zur Stellungnahme vorgelegt, in denen die Schulreife bedingt durch Entwicklungsverzögerungen oder Krankheit verneint wird. Der Kreisarzt bestätigt, dass keine Bedenken bestünden. Einige Beispielformulierungen. Elisabeth Richter: „endogen bedingter Neurasthenie … starken Hang zur Pseudologia phantastica … für den öffentlichen Schulbesuch ungeeignet“; Wolfgang Haussig: „außerordentliche Lebhaftigkeit und Reizbarkeit“; Rudolf Kratky: „ein Kind mit einer ausgesprochen exsudativen lymphatischen Diathese“. Man könnte sich vorstellen, dass mit der Zurückstellung der Kinder diesen der Kinderhaus-Besuch ein weiteres Jahr erlaubt worden war und die Montessori-Erzieherinnen diesen Kindern altersentsprechend anspruchsvollere Aufgaben und Materialien bereitgestellt haben. Ähnliches hatte Dr. Emmy Bergmann, die Schwester von Clara Grunwald, an ihrer Schule in Freiburg i.Br. zeitweilig erfolgreich praktiziert.

In der beginnenden NS-Zeit versucht der Kinderhaus-Trägerverein durch Auswechslung der Leitung (Frl. Amram) im Jahr 1934, der sozialistische Sympathien nachgesagt werden, dem drohenden Verbot zu entgehen. Auch wird Schulrat Kahnert am 16.08.1933 in den Beirat des Kindergartenvorstands berufen.

Wahrscheinlich im Kontext einer Abfrage des Reichs- und Preußischen Kultusministeriums vom 28.11.1934, die offenbar an alle preußischen Provinzen und alle deutschen Länder ging und Auskünfte zur neuen Satzung des VMPD anforderte, sendet der VMPD-Vorsitzende Dr. Axster am 10.01.1935 ein Unterstützungsschreiben für das Kinderhaus an Schulrat Kahnert, in dem er Übersetzungen dreier Vorträge von Maria Montessori, gehalten 1934 in Rom, beilegt. Die Absicht ist klar: Man will Gemeinsamkeiten zwischen NS-Erziehungsgrundsätzen und der Montessori-Pädagogik behaupten. Die in Rom gehaltenen Vorträge scheinen sich dafür zu eignen, weil Montessori sich darin anerkennend über die Erfolge der italienischen Opera Nationale Balilla, dem italienischen Pendant der Hitlerjugend, äußert.

Man könnte vermuten, dass Montessori sich damals genötigt sah, sowohl für die italienische aber auch für die deutsche Situation die in ihrem Namen arbeitenden Einrichtungen aus dem Blickfeld der Nazis und Faschisten zu nehmen, indem sie deren Ruf, sie seien antifaschistisch, zurückzudrängen versuchte. Es musste also irgendetwas Positives über die faschistischen Bestrebungen und Maßnahmen gesagt werden. Da Montessori offenbar nicht die im Faschismus allgegenwärtige Kampf-und-Kriegs-Rhetorik bedienen wollte und konnte, und weil sie auch mit Rassentheorie und Erbgesundheitslehre keinerlei Gemeinsamkeiten sah, versuchte sie sozusagen als kleinsten gemeinsamen Nenner mit den Aspekten "Aktivierung" (Dynamik statt Statik), Gemeinschaft, sich für die Gesellschaft nützlich machen (Kinder helfen bei der Landarbeit) und Sozialfürsorge (Kinder nicht den lethargischen, sie eventuell sogar vernachlässigenden Eltern überlassen, sondern sie in staatlichen Institutionen fördern) eine Brücke zu bauen.

Dass auch dieser Versuch, den man wahrscheinlich als verzweifelten Versuch bezeichnen muss, letztlich weder in Deutschland noch in Italien dazu führte, dass die Montessori-Einrichtungen weiterarbeiten durften, wissen wir im Nachhinein. Aber gerade das Axster-Schreiben vom 10.01.1935 nach Guben zeigt, dass offenbar Maria und Mario Montessori ebenso wie Ilse und Herbert Axster hofften, durch die Betonung von Gemeinsamkeiten mit den autoritären Regimes das drohende Verbot zu verhindern. 

Quellen der gezeigten Dokumente

Kinderhaus Guben 28.05.1936: Landesarchiv Brandenburg, Potsdam

Kinderhaus Oberhausen 31.03.1936: Stadtarchiv Oberhausen

Kindergarten Wilmersdorf 25.01.1938: Landesarchiv Berlin

Wie geht es weiter?

Die nächsten Blitzlichter sind in Vorbereitung und erscheinen in etwa monatlichen Abständen. Eine Übersicht der bisherigen Blitzlichter finden Sie hier.

Unter anderem werden - letzten Endes erfolglose - Überlegungen in 1931-1932 beschrieben, unter dem Dach des Völkerbundes ein Internationales Montessori Institut zu etablieren, mit Verbindung zu Jean Piagets International Bureau of Education

Die Sinnfälligkeit unseres Projektmottos bestätigt sich: „Wir wollen die Vergangenheit kennen, um für die Zukunft zu lernen.“ Es zeigt sich, wie der Streit um Pädagogik und Macht der gesamten deutschen Montessori-Bewegung nach innen und außen bedeutend schadete und die Montessoris vor gravierende Dilemmata stellte.

Bereits bekannt ist, dass nach der Machtergreifung, mit dem Berufsverbot von Juden und politischen Abweichlern ab April 1933, viele Montessori-Einrichtungen schließen mussten. Die Projektergebnisse machen deutlicher, vor welchem Dilemma die deutsche Montessori-Bewegung stand, noch zu retten, was gerettet werden konnte.

Finanzierung des Forschungsprojekts

Das Forschungsprojekt „Montessori-Pädagogik im Kontext des deutschen Nationalsozialismus“ wurde mit der Maßgabe aufgesetzt, vollständig aus Drittmitteln finanziert zu werden, also das Budget des Bundesverbands nicht zu belasten. Auch wenn das Projekt durch die großzügige Zuwendung einer Stiftung finanziell unterstützt wird, bleibt eine zu schließende Lücke von ca. 15.000 €, für die wir interessierte Personen oder Organisationen um Spenden bitten, um das Projekt finanziell endgültig absichern zu können. Mehr Infos gibt es hier.

Immer auf dem laufenden
bleiben

Zielgruppe

Ich bin einverstanden damit, dass Sie mich per E-Mail anschreiben.

Sie können sich in jedem Newsletter aus der Empfängerliste austragen.

Wir nutzen Mailchimp als unsere E-Mail-Marketing-Plattform. Durch das „Abonnieren“ erkennen Sie an, dass Ihre Daten zur Verarbeitung an Mailchimp geschickt werden. Hier erfahren Sie mehr über die Datenschutzrichtlinien von Mailchimp.

* Pflichtfelder