Einleitung
Die Montessori-Pädagogik hat als Ziel, das Potenzial eines jeden Kindes zu aktivieren und es zu einem selbstbestimmten, verantwortungsbewussten Erwachsenen werden zu lassen.
Die seit Jahrzehnten gut umgesetzte Montessori-Praxis spricht für sich und sucht in der pädagogischen Umsetzung aktueller bildungspolitischer Forderungen ihresgleichen. Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und aus der Entwicklungspsychologie bestätigen die Ansätze der Montessori-Pädagogik.
Montessoris Nutzung wissenschaftliche Methoden und Messungen - nicht als Endzweck, sondern als Mittel zur Entwicklung effektiver Bildungs- und Erziehungsstrategien - stellte zeitlebens einen wesentlichen Aspekt ihres Wirkens dar. Ihre Arbeit spiegelt ein tiefes Verständnis dafür wider, wahre gesellschaftliche Veränderungen nur durch die Schaffung von Bildungsmöglichkeiten erreichen zu können.
So bekennt sich die Montessori-Bewegung klar - und nicht erst seit gestern - zu den von den Vereinten Nationen formulierten Kinderrechten, die allen Kindern und Jugendlichen zukommen müssen. Wie in unserer Satzung verankert, bekennt sich der Bundesverband "insbesondere zur sozialen Integration ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger sowie Menschen mit Beeinträchtigungen und tritt extremen, rassistischen und fremdenfeindlichen sowie sonstigen gesellschaftlichen Diskriminierungen entschieden entgegen".
Natürlich beobachten wir aktuelle Diskussionen um Maria Montessori und ihre Pädagogik. Im jüngst erschienenen Buch von Sabine Seichter, Der lange Schatten der Maria Montessori, stellt die Autorin die Kernbehauptung auf, Maria Montessori sei zeitlebens Rassistin gewesen und ihr Denken - auf der „Suche nach dem perfekten Kind“ - „eugenisch durchtränkt“.
Die Behauptungen Seichters im Einzelnen sind zwar zugespitzt aber weder neu, noch in der Montessori-Bewegung tabuisiert. Unsere Seite Montessori in der Diskussion legt diverse Streitpunkte um ihre Pädagogik inkl. Kritikerquellenangaben im Detail öffentlich dar, woraus eine lebendige Diskussion deutlich wird, die sich in unzähligen Publikationen teilweise Jahrzehnte zurückverfolgen lässt.
Nichtsdestotrotz nehmen wir die Behauptungen aus dem Buch und den dazu geführten Interviews ernst und haben sie im Detail analysiert. Sie beziehen sich auf die historische Persönlichkeit Maria Montessori, die offensichtlich pauschal diskreditiert werden soll. Wir können nicht erkennen, dass die beanstandeten Aussagen die jahrzehntelange erfolgreiche Praxis moderner Montessori-Einrichtungen negativ beeinflusst hätten.
Übersicht der Behauptungen
Seichter beruft sich vor allem auf ein Buch mit Texten Montessoris aus ihrer anfänglichen Zeit als Ärztin und Anthropolgie-Privatdozentin, Pädagogische Anthropologie aus dem Jahre 1910, das als Teil der Maria Montessori Gesammelte Werke (Verlag Herder) erstmalig auf Deutsch in 2019 veröffentlicht wurde, aber beispielsweise auf Englisch seit 1913 vorliegt.
Selbst die vermeintliche Abkehr von solchem Gedankengut im Laufe von Montessoris späterer, über vierzig Jahre währender wissenschaftlich-pädagogischer Arbeit wäre nach Seichter bedeutungslos, da Montessori sich noch nach dem zweiten Weltkrieg belastend geäußert hätte. So stellt Seichter die Behauptungen auf, Montessori hätte 1949 Mussolini und Hitler gelobt und sich 1951 eugenisch geäußert.
Auch würde sich aus dem Buch ergeben, dass Montessori für eine Exklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen gewesen wäre, also gegen deren schulische Inklusion.
Diese Behauptungen lassen sich entkräften bzw. in einen Kontext setzen, der nicht die Brisanz hat, die die Autorin durch ihre Zuspitzung suggeriert. Montessori hat zwar die gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit in Bezug auf Rassismus und Klassendenken nicht hinterfragt; so tauchen sie auch im Buch auf. Sie hat aber in ihrem eigenen beruflichen Umfeld und Handlungsrahmen weder rassistisch diskriminierende noch eugenische gefärbte Schlussfolgerungen gezogen noch solche Empfehlungen ausgesprochen.
Vielmehr ging es ihr um eine Verbesserung der Situation und des Schicksals von Menschen mit Behinderungen durch innovative Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen, mit entsprechenden Vorteilen für die Entwicklung der Gesellschaft. Dabei hat sie abwertende Bezeichnungen von Menschen mit Behinderungen verwendet, die zwar für ihre Zeit typisch waren, aber aus heutiger Sicht inakzeptabel sind.
die Behauptungen im Einzelnen
Zunächst zum Verständnis:
In Maria Montessoris früher Arbeit als Ärztin und Anthropologin zeigte sie großes Engagement für die Verbesserung der Situation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, allerdings eingebettet in ein von Rassismus, Klassendenken, fragwürdigen anthropologischen Theorien und der Angst vor gesellschaftlicher Degeneration geprägtes kulturelles Umfeld.
Im Buch Pädagogische Anthropologie, basierend auf Vorlesungsaufzeichnungen aus 1906-1907, gibt sie den wissenschaftlichen Diskurs ihrer Zeit unkritisch wieder, nutzt aber ihre Beobachtungen und empirischen Untersuchungen, um die Notwendigkeit pädagogischer Innovationen zu untermauern. Montessori argumentierte überzeugend für die Kraft von Bildung und Erziehung in Form von vorbeugenden sowie heil- und sonderpädagogischen Maßnahmen.
Ab 1907, durch die Erkenntnisse bei der Leitung des ersten sogenannten Kinderhauses angetrieben, konzentrierte Montessori sich zunehmend komplett auf die Weiterentwicklung und Verbreitung ihrer Pädagogik. Ihr erstes und wichtigstes pädagogisches Werk war, auf Deutsch Die Entdeckung des Kindes[1]Maria Montessori Gesammelte Werke Band 1, Die Entdeckung des Kindes, Freiburg 2010, 3. Aufl. 2015, vgl. dazu auch die kritische italienische Ausgabe: Il metodo della Pedagogica Scientifica applicato all’educatione infantile nelle Case dei Bambini, hg. von Opera Nazionale Montessori, Roma 2000, erschien 1909.
Ihre Approbation als Ärztin und ihre Dozententätigkeit gab sie wenige Jahre später auf.
"Normalisierung"
Um ihre Kernbehauptung der „eugenischen Durchtränkung“ zu unterstützen, sind die von der Autorin herangezogenen Quellen systematisch fehlgedeutet worden. Montessori strebte als Ziel ihrer Pädagogik die „normale“ Entwicklung von Kindern an, bei der jedes Kind sein individuelles Potenzial ungehindert erreichen könnte. Bei Kindern, bei denen dies durch Faktoren von außen oder schlechten eigenen Erfahrungen nicht der Fall war, sah sie eine individuelle „Normalisierung“ des Kindes, d.h. die Rückkehr in seinen individuellen „normalen“ Zustand der Lernbereitschaft und Lernfreude, durch die Montessori-Pädagogik als möglich an.
Zugegebenermaßen ist dieser Begriff manchmal schwierig zu vermitteln, vor allem weil man den Begriff „normal“ in verschiedenen Kontexten verwenden kann. Umdeutungen dieser beiden individuumsbezogenen, pädagogisch orientierten Begriffe als angestrebte „Norm“, an die sich die kollektive Entwicklung aller Kinder gleichermaßen anpassen sollte, sind allerdings weder neu noch richtig.
Nachkriegsaussagen
Die beiden Behauptungen zu Montessori Nachkriegsaussagen können wir nicht nachvollziehen. Die auf unserer Website veröffentlichten Originaldokumente weisen den genauen Kontext aus, in dem Montessori sich äußerte.
INKLUSION
Die Behauptung, Montessori hätte die Exklusion statt der schulischen Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen befürwortet, verkennt völlig die damalige Realität: Menschen mit Behinderungen waren zu dieser Zeit generell an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Montessoris Forderung um 1900 als Ärztin war, Kinder und Jugendliche mit Behinderungen überhaupt zu beschulen, was im damaligen Regelschulsystem Italiens, trotz Grundschulpflicht, nicht gewollt war. Inklusion setzt ein pädagogisches Konzept voraus, um Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichsten Begabungen und Fähigkeiten gemeinsam zu unterrichten - ein Begriff und ein Konzept, die es damals nicht gab.
Die Idee der gemeinsamen Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung geht zurück auf den Kinderarzt Prof. Dr. Theodor Hellbrügge, den Pionier in der Diagnostik und Behandlung von Entwicklungsstörungen und Behinderungen bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen. Da er seinen Patienten auch über die Therapie hinaus wirksam helfen wollte, gründete er 1970 die weltweit erste Schule, in der inklusiv unterrichtet wurde - Jahrzehnte vor Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Den Schlüssel zur Verwirklichung dieser Vision fand er in der Pädagogik Maria Montessoris. Mittlerweile gelten die Einrichtungen der Aktion Sonnenschein national wie international als Vorbilder für gelebte Inklusion.
Montessori-Pädagog:innen
Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein als die Behauptung, Montessori-Pädagog:innen wären im Glauben an eine vermeintlich romantisierende Pädagogik getäuscht worden oder naiv. Sie leisten in der anspruchsvollen Betreuungs- und Unterrichtspraxis unserer Einrichtungen überzeugend erfolgreiche Arbeit.
[1] Maria Montessori Gesammelte Werke Band 1, Die Entdeckung des Kindes, Freiburg 2010, 3. Aufl. 2015, vgl. dazu auch die kritische italienische Ausgabe: Il metodo della Pedagogica Scientifica applicato all’educatione infantile nelle Case dei Bambini, hg. von Opera Nazionale Montessori, Roma 2000.