Blitzlicht 10 aus der Forschungswerkstatt: Das Internationale Montessori-Institut
Montessori-Pädagogik unter dem Dach des Völkerbundes? [jb]
Dass Montessori 1932 in Genf auf Einladung des International Bureau of Education (IBE) eine Rede über „Frieden und Erziehung“ hielt, ist in Montessori-Fachkreisen bekannt. Das IBE war 1925 in Genf als Nicht-Regierungsorganisation gegründet worden und wurde 1929 vom Völkerbund als erste internationale Organisation auf dem Gebiet der Erziehung anerkannt; es ging später in der UNESCO auf. Direktor war von 1929-1968 der berühmte Entwicklungspsychologe Prof. Jean Piaget. Der Anspruch des IBE war es, Diskussion und Forschung im Bereich von Erziehung und Bildung als Plattform zu unterstützen und zu strukturieren. Schwerpunkte waren dementsprechend die
Organisation von internationalen Kongressen und die Entwicklung von Qualitätskriterien und Bildungsstandards. Das IBE existiert in unterschiedlicher Konstellation bis heute.
Kaum bekannt dagegen ist, dass es - letzten Endes erfolglose - Überlegungen in 1931-1932 gab zur Errichtung eines dem Völkerbund angegliederten „Internationalen Montessori-Instituts“.
Weil die Planungen für das Institut sich zeitlich mit der Gründung und Etablierung der „Association Montessori Internationale“ (AMI) überschnitten, war denkbar, dass es sich schlicht um dieselbe Organisation handele – nur unter anderem Namen. Wie wir aus unserer Arbeit mit neuen Archivquellen heraus im Folgenden belegen, handelte es sich um separate (geplante) Organisationen, in deren überlappender Konzeption sich auch der Machtkampf zwischen Maria und Mario Montessori und der faschistischen Bildungsadministration in Rom widerspiegelt.
Zum Verständnis ist es eingangs hilfreich, die drei beteiligten Montessori-Organisationen vorzustellen:
Die Società Montessori Internazionale (SMI) wurde 1929 beim Ersten Internationalen Montessori-Kongress in Helsingör (Dänemark) gegründet und hatte ihren inoffiziellen Sitz in Rom bis – in Association Montessori Internationale (AMI) umbenannt – Ende 1932 Berlin ihr Hauptsitz wurde. (Siehe Blitzlicht Nr. 7)
Die Opera Nazionale Montessori (ONM) in Rom war die durch ein königliches Dekret in 1924 gegründete italienische Montessori-Gesellschaft, mit Maria Montessori als Vorsitzende, und Benito Mussolini als Ehrenvorsitzender seit 1926. Prof. Giovanni Gentile wurde als Präsident Anfang 1931 durch Prof. Emilio Bodrero ersetzt und Anfang 1933 durch Piero Parini aus dem Außenministerium abgelöst. An Bodrero berichtete der Generalsekretär Prof. Enrico Castelli. Der Wechsel von Bodrero zu Parini war Gegenstand des Blitzlichts Nr. 4.
Die Regia Scuola Magistrale di Metodo Montessori (kurz Scuola di Metodo) in Rom war die ebenfalls durch ein königliches Dekret in 1928 gegründete Ausbildungsstätte für die Montessori-Methode. Ihren Status muss man sich wohl irgendwo im Grenzbereich zwischen Fachschule und Pädagogischer Hochschule vorstellen, insofern die Ausbildung sowohl für den Kindergartenbereich als auch für die ersten Grundschuljahre qualifizieren sollte. Die Leitung hatte die Montessori-Vertraute Giuliana Sorge, die jedoch von den Behörden im Juli 1932 wegen des Vorwurfs des Antifaschismus kurzzeitig verhaftet und dann abgesetzt wurde.
Das Lobbying für das Institut
Mario Montessori schreibt am 06.12.1931 an den VMPD-Vorsitzenden Herbert Axster:
„INTERNATIONAL MONTESSORI INSTITUT: Ich leite einen Brief oder besser gesagt ein Schema für einen Brief weiter, den der deutsche Zweig [der SMI] an S.E. Bodrero, den Präsidenten der Opera [Nazionale] Montessori, senden soll. Der Brief sollte von Dir oder einer wichtigen deutschen Person unterschrieben werden. Es ist außerdem von entscheidender Bedeutung, dass der deutsche Vertreter im Völkerbund offiziell über das Vorhaben informiert und um seine Zustimmung und Hilfe gebeten wird. Das könntest Du vielleicht direkt tun, aber es wäre besser, wenn es offiziell von einem Regierungsmitglied geschehen würde, das uns wohlgesonnen ist.“ (AMI Archives Amsterdam. Übersetzung aus dem Englischen, jb)
Das erbetete Schreiben, an ONM-Generalsekretär Castelli vom 01.02.1932, liegt uns vor (Zentrales Staatsarchiv (ACS), Rom); Mario Montessori musste Axster am 22.01.1932 noch einmal daran erinnern (AMI Archives Amsterdam).
Die früheste Spur zur Planung des Instituts finden wir bereits in einem Schreiben vom 16.09.1931 von Maria Montessori an ONM-Generalsekretär Enrico Castelli:
„INTERNATIONALES INSTITUT. Ich lege den von mir für [ONM-Präsident] S.E. Bodrero erbetenen Brief bei. Herr [Mario] Montessori hat bereits an unsere Vertreter im Ausland geschrieben, und er ist überzeugt, dass der Vorschlag S.E. auf keine Hindernisse stoßen wird.“ (AMI Archives, Amsterdam. Übersetzung aus dem Italienischen, jb)
Castelli selbst berichtet in einem Leitartikel für die Jan-Feb. 1932-Ausgabe der von ihm herausgegebenen ONM-Zeitschrift Montessori optimistisch:
„Die italienische Regierung [hat] in Rom beim Nationalen Bildungsministerium bereits die Umwandlung der derzeitigen Scuola di Metodo in ein Königliches Pädagogisches Institut angeregt; und wir sind sicher, dass sie bei der Internationalen Kommission für geistige Zusammenarbeit in Genf die Errichtung eines internationalen Instituts, das dem Völkerbund angegliedert ist, fördern wird.“
Das Institut soll „mit umfassenderen Mitteln und einheitlicher Zielsetzung die weltweite montessorianische Bewegung lenken und zugleich, indem es die Anwendung der Methode überwacht, ihre Integrität vor willkürlichen Initiativen von zweifelhaftem pädagogischem Wert schützen.“ (Übersetzung aus dem Italienischen, jb)
Die erwähnte Internationale Kommission für geistige Zusammenarbeit hatte ihren Sitz in Genf, Sie war 1922 vom Völkerbund gegründet worden. Ziel war die weltweite Förderung des wissenschaftlichen, intellektuellen und kulturellen Austauschs zur Friedenssicherung.
Persönlichkeiten und Intellektuelle der damaligen Zeit gehörten der Kommission an, so etwa Albert Einstein, Marie Curie oder Thomas Mann. 1946 wurde die Kommission aufgelöst – während Teile ihrer Aufgaben von der neugegründeten UNESCO fortgeführt wurden.
In seinem Abschiedsbrief an Mussolini vom 15.02.1933 blickt ONM-Präsident Bodrero auf die Planungen zurück:
„Ein Gesetzesentwurf wurde dem zuständigen Ministerium für ein Montessori-Pädagogisches Institut vorgelegt, das ausländisches Interesse wecken und die Grundlage eines internationalen Instituts in Rom bilden sollte, als Verbindungszentrum für alle ausländischen Montessori-Gesellschaften.“ (ACS, Rom. Übersetzung aus dem Italienischen, jb)
In der hier ausdrücklich formulierten übergeordneten Absicht von Castelli und Bodrero liegt allerdings – parallel zur damaligen Diskussion über die Kontrolle über die SMI/AMI - der zentrale Konfliktstoff: Wer wird perspektivisch die Kontrolle über die weltweite Montessori-Bewegung haben? Die Montessoris oder die Strategen des faschistischen Regimes in Rom?
Zu Beginn sind die Montessoris aber guten Mutes, wenn auch einige Landesvertreter keine Eile haben, zu antworten. So schreibt Mario Montessori am 06.12.1931 an den rumänischen Verlag Cartea Românească (dt.: das rumänische Buch):
„Die italienische Regierung reichte dem Völkerbund ein Projekt zur Gründung eines internationalen Montessori-Instituts mit Sitz in Rom ein. Die Montessori-Gesellschaften der verschiedenen Länder tun natürlich alles in ihrer Macht stehende, um den Erfolg des Plans zu gewährleisten.“ (AMI Archives Amsterdam. Übersetzung aus dem Französischen, jb)
Am 10.02.1932 berichtet Mario in einem Schreiben an G.V.D. Valk-Drees, Vorstandsmitglied der Niederländischen Montessori-Vereinigung (NMV), hoffnungsvoll:
„Soweit ich weiß, haben folgende Montessori-Organisationen den Antrag unterstützt: Spanien, Schweiz, England, Deutschland, Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn;[sic] Schweden, während wir auf Antworten anderer Nationen warten. Es gibt einige Regierungen, neben der italienischen, die interessiert sind: Ungarn, Rumänien, Tschechoslowakei; aber da ich die Sache nicht persönlich organisiere, weiß ich noch nicht genau, was sie tun werden. Der Sitz des Instituts wird Rom sein. Dies wurde von Dr. Montessori beschlossen, die die wichtigste Person darin sein soll, und von der italienischen Regierung, die den Großteil des Geldes bereitstellen wird.“ (AMI Archives Amsterdam. Übersetzung aus dem Englischen, jb)
Valk-Drees berichtet am 15.03.1932 dem NMV-Vorstand, dass ihm Castelli dazu Fragen beantwortet hätte: Man habe darüber hinaus
„... die Zustimmung der Ligue internationale pour l'éducation nouvelle ... sowie der verschiedenen Montessori-Zentren in Budapest, Bukarest, Sofia, Chile usw. erhalten“. (Stadtarchiv Amsterdam. Übersetzung aus dem Niederländischen, jb)
Es hat also nicht nur vielfache unterstützende Schreiben der nationalen Montessori-Gesellschaften gegeben, sondern auch der New Education Fellowship (NEF) und – was wahrscheinlich wichtiger ist - auch von Regierungen. Und die italienische Regierung soll das Institut wesentlich finanzieren.
Die New Education Fellowship (NEF) wurde 1921 als Forum des internationalen Austauschs in Calais gegründet. Sie gab die Zeitschrift „The New Era“ heraus, an der zeitweilig auch Alexander S. Neill, der Gründer der berühmten Summerhill-Schule als Herausgeber mitwirkte. 1931 wurde als deutsche Sektion der „Weltbund für Erneuerung der Erziehung“ (WEE) gegründet. Die internationalen Tagungen - Montreux 1923, Heidelberg 1925, Locarno 1927, Helsingør 1929, Nizza 1932 - entwickelten in den 20er Jahren eine enorme Anziehungskraft und versammelten Angehörige vieler Nationen. Allein ins dänische Helsingør 1929 kamen 2.000 Teilnehmer aus 43 Ländern. Unter dem Vorsitz der Initiatorin Beatrice Ensor, einer britischen Pädagogin und Theosophin, kamen klangvolle Namen der internationalen Reformpädagogik zusammen: Von Adolphe Ferrière über Peter Petersen und Jean Piaget bis zu Maria Montessori und John Dewey. Im Jahr 1930 gab es Vertreter und teilweise Sektionen in 37 Ländern auf allen Kontinenten.
Zögern der italienischen Regierung
Bis Ende Mai 1932 kann sich die italienische Regierung allerdings nicht dazu durchringen. Dies ergibt sich aus einer Antwort von Castelli vom 30.05.1932 auf eine Anfrage von Maria Montessori. Prof. Piaget, Präsident des International Bureau of Education und offensichtlich in die Initiative eingebunden, hätte ihm zwar ein unterstützendes Memorandum zur Weitergabe an die italienische Regierung zukommen lassen. Trotzdem war der ursprüngliche Ansatz, wie er schreibt, nicht erfolgreich:
„Der Stabschef des Kabinetts, Kommandant Giustini, schrieb am 22. Mai dieses Jahres, dass das Ministerium beschlossen habe, keine Delegierten zur Sitzung des Büros [International Bureau of Education] zu entsenden.
... Es ist unbekannt, ob das Außenministerium in dieser Angelegenheit konsultiert wurde; uns ist nur bewusst, dass Comm. Parini von den oben genannten Praktiken nichts wusste." (AMI Archives Amsterdam. Übersetzung aus dem Italienischen, jb)
Die genauen Gründe hierfür kennen wir leider nicht, aber man kann spekulieren, dass die Gesamteinschätzung der Regierung zur Zusammenarbeit mit den Montessoris eine Rolle gespielt haben dürfte. Der zukünftige ONM-Präsident Piero Parini, seit 1931 benannter Vertreter des Außenministeriums im ONM-Aufsichtsrat, war aber offensichtlich nicht eingebunden.
Das Projekt wird dennoch weiterverfolgt. Castelli versucht, die Planungen für das Institut während des Internationalen Montessori-Kongresses in Nizza 1932 vorzustellen, darf aber nicht an der Sitzung teilnehmen, bei der u.a. die Entscheidung getroffen werden soll, mit der AMI nach Berlin zu gehen.
Bild: Betreffende Seite des Schreibens von Enrico Castelli an Maria Montessori vom 30.05.1932
Hierüber berichtet er in einem Schreiben vom 08.08.1932 an seinen Vorgesetzten Bodrero:
„Am 1. August begab ich mich gemäß Ihren Weisungen in der Eigenschaft als Vertreter der Opera Italiano zum Tagungsort des Kongresses, um Kontakt mit Dottoressa Montessori und den Delegierten der ausländischen Verbände aufzunehmen – insbesondere mit den englischen und deutschen Mitgliedern des Organisationskomitees –, um die geeigneten Vereinbarungen zur Vorlage des bekannten, von der Opera Montessori Italiano [ONM] geförderten Projekts eines Internationalen Instituts zu konkretisieren, das bei den ausländischen Gesellschaften uneingeschränkte Zustimmung gefunden hat. Zu meiner großen Überraschung erlaubte sich D.ssa Montessori in Anwesenheit einiger ausländischer Delegierter, mir in ihrer Eigenschaft als Präsidentin den Zugang zum Kongress zu verwehren, mit der Begründung, die Bekanntmachung ihrer dienstlichen Beurteilungen des Lehrpersonals an der Königlichen Scuola di Metodo, dem Personal gegenüber, ihrer Ansicht nach einen Akt der Ungehörigkeit dargestellt hätte.“ (Archiv des Ital. Außenministeriums (ASDMAE), Rom. Übersetzung aus dem Italienischen, jb)
Während also die Scuola di Metodo zum Internationalen Völkerbund-Institut aufgerüstet werden soll, wird die dortige Arbeit gleichzeitig von Montessori kritisiert.
Ob Vorwand oder nicht, hatte sie tatsächlich Kritik daran geübt, dass Castelli ihre ungeschminkte negative Einschätzungen der Lehrkräfte der Fachschule diesen weitergegeben hatte. Wir kennen Montessoris Einschätzung nicht, aber im (undatierten) Protestschreiben der Lehrkräfte dagegen, an das Nationale Bildungsministerium, wird Montessoris offenbar sehr harsche Kritik wie folgt zitiert (übersetzt aus dem Italienischen, jb):
· „die in den einzelnen Unterrichtsfächern nicht angewandte Montessori-Methode“;
· „die geistige Unzulänglichkeit der Lehrkräfte, sie zu verstehen und anzuwenden“.
Bodrero beklagt sich jedenfalls am 26.08.1932 über die Behandlung von Castelli in einem (offensichtlich von der Politischen Polizei als Entwurf abgefangenen) Schreiben an Maria Montessori:
[Castelli] ... „hatte unter anderem die Aufgabe, über das Projekt des Internationalen Instituts zu berichten, ein von Seiner Exzellenz dem Regierungschef genehmigtes Projekt. Es gab keinen Grund, den Ausschluss der Person, die die italienische Bewegung vertreten sollte, vom Kongress zu rechtfertigen.“ (ACS, Rom. Übersetzung aus dem Italienischen, jb)
Offensichtlich kippt sowohl die Stimmung der Montessoris als auch die von Bodrero und Castelli zur Initiative. So schreibt Castelli am 25.08.1932 an Bodrero:
„Das Temperament der Dottoressa Montessori hat daher die Empfindlichkeit vieler Montessori-Gruppen verletzt; bemerkenswert ist die Tatsache, dass es in Deutschland zwei miteinander im Konflikt stehende Montessori-Gesellschaften gibt, von denen die bedeutendere keine direkten Beziehungen zur Begründerin der Methode unterhält.
... Daher ist es einerseits notwendig, aus den dargelegten Gründen auf der Unterscheidung zwischen Opera Montessori und Dottoressa Montessori zu bestehen; andererseits ist es zur Erreichung der oben genannten Ziele erforderlich zu verhindern, dass die Dottoressa Montessori die Verhandlungen behindert, die die Opera bereits seit geraumer Zeit mit den ausländischen Verbänden zur Gründung eines Internationalen Instituts geführt hat, indem man: 1) alle erzielten Einnahmen aus den vom neuen Institut ausgeschriebenen internationalen Kursen der Dottoressa überlässt; 2) einen beträchtlichen Jahresbetrag, entnommen aus dem Haushaltsposten, den die Regierung für den Betrieb des Instituts festzusetzen für gut befinden wird, ihr als Subvention für ihre geleistete Arbeit zukommen lässt. Wenn die Maßnahme, die ich E.E. vorgeschlagen habe, einerseits übertrieben erscheinen mag, so ist sie andererseits nach reiflicher Prüfung der verwickelten Lage vielleicht die einzige, die echte Erfolgsaussichten bietet.
Im Übrigen ist die politische Bedeutung des Projekts außerordentlich groß.
Ich erlaube mir, E.E. noch einmal darauf hinzuweisen, dass ein Internationales Institut ein wirksames Mittel zur Verbreitung des Italienertums im Ausland sein kann, weil es die Arbeit nicht nur der Propaganda, sondern vor allem der Aufsicht oder Kontrolle (nach vorherigen Abkommen mit den Ministerien für Äußeres und für P.I. [Pubblica Istruzione, d.h. Bildungsministerium]) konkret bündeln und so de facto eine Generalleitung der ausländischen Grundschulen – vor allem in England und den Vereinigten Staaten – bilden kann.“ (ASDMAE, Rom. Übersetzung aus dem Italienischen, jb)
Hieraus wird deutlich, dass man Maria Montessori ihre Zustimmung mit Geldzuwendungen abkaufen will. Direkt beteiligt sein soll sie aber möglichst nicht mehr.
Das Verhältnis zwischen den Montessoris und der ONM verschlechtert sich im Herbst 1932 generell. Maria Montessori wirft Bodrero wiederholt vor, auch mit „illegitimen ausländischen Gesellschaften“ Kontakt zu halten, so beispielsweise mit der Deutschen Montessori-Gesellschaft (DMG). Dahingegen nimmt die ONM-Führung die DMG - noch im August 1932 - als die "bedeutendere" Gesellschaft in Deutschland wahr, weshalb man mit ihr zusammenarbeiten will.
Trotzdem gibt es noch grundsätzliches Interesse an so einem Institut. So erinnert Axster Maria Montessori am 29.09.1932 daran:
„Sie wollten noch eine zweite Erläuterung schreiben, die die Notwendigkeit erklärt, [über die AMI hinaus auch] ein internationales Montessori-Institut zu errichten.“ (AMI Archives Amsterdam. Übersetzung aus dem Französischen, jb)
Maria Montessori jedenfalls äußert sich am 20.01.1933, also direkt nach ihrem Austritt aus der ONM am 15.01.1933, in einem Brief an Elsa Neustadt, Vorstandsmitglied der damals in Gründung befindlichen Schweizer Montessori-Gesellschaft vorsichtig:
„Das Internationale Institut ist in Rom noch nicht gegründet worden; es wurde viel darüber gesprochen, es wurden Schritte bei der Regierung unternommen, um Geld zu erhalten, aber man ist noch zu keinem Ergebnis gelangt. Und es wird schwierig sein, jetzt dazu zu kommen, auch wenn Bodrero zusammen mit Castelli von S.E. Mussolini entlassen werden sollte.“ (AMI Archives Amsterdam, Übersetzung aus dem Italienischen, jb)
Hieraus wird deutlich, dass Montessori von der Abberufung von Bodrero zu diesem Zeitpunkt noch nichts weiß. Dabei hatte das Bildungsministerium schon am 28.11.1932 Bodero bestätigt, dass dessen Ablösungswunsch zugunsten Piero Parini erfolgen würde. Man müsse nur die Formalitäten der Benennung bei der ONM berücksichtigen. (ASDMAE, Rom)
Maria Montessoris erfuhr erst nach ihrem Rücktritt aus allen ONM-Ämtern Mitte Januar 1933 vom Wechsel. Sie schrieb Parini kurz darauf, sie hätte sich ihren Rücktritt vielleicht anders überlegt, wenn sie davon gewusst hätte.
In einem ausführlichen Dossier an Mussolini von Anfang 1933 (undatiert), in dem Mario Montessori mit der Amtszeit von ONM-Präsident Bodrero abrechnet, wird seine Entrüstung über den von Bodrero verfolgten Kurs deutlicher. Mario schreibt in Großbuchstaben:
„UND NACHDEM ER EIN PÄDAGOGISCHES INSTITUT ENTWORFEN UND DIE PLÄNE FÜR EIN INTERNATIONALES INSTITUT SCHRIFTLICH FESTGEHALTEN HATTE, SCHLUG ER SICH SELBST ALS REKTOR MAGNIFICUS VOR, WOBEI DIE DOTTORESSA EINE ART IHM UNTERGEORDNETER TECHNISCHER FAKTOR WAR.“ (AMI Archives Amsterdam. Übersetzung aus dem Italienischen, jb)
So endet die eigentlich bedeutende Planung des Instituts im Machtkampf zwischen den Montessoris und der italienischen Regierung. Das Tauziehen endet einmal mehr in einer Pattsituation – einen Gewinner gibt es nicht.
Wobei man fragen könnte, wie das, was jede Seite sich als Wirkung des Instituts vorgestellt hatte, wenn es denn gegründet worden wäre, ausgesehen hätte? Man kann spekulieren, dass das Institut ein weiteres Schlachtfeld im Kampf zwischen den Montessoris und den Bodreros und Castellis geworden wäre: Wer behält die Kontrolle? Wer trifft Richtungsentscheidungen? Wer besetzt die zentralen Funktionen mit „seinen“ Leuten?
Aus Maria Montessoris Perspektive war sicher die Hoffnung ausschlaggebend, Ressourcen für Forschung, Ausbildung und internationalen Netzwerkaufbau für ihre pädagogische Methode zur Verfügung gestellt zu bekommen. Ganz abgesehen davon, dass natürlich allein die formale Anbindung an den Völkerbund ihr globales Renommée weiter gesteigert hätte.
Weitere Infos zu den genannten internationalen Organisationen
New Education Fellowship (NEF): Vgl. Horn, Elija [2017]: Die Internationalität der Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In: Idel, Till-Sebastian/Ullrich, Heiner (Hrsg.): Handbuch Reformpädagogik. Weinheim: Beltz, S. 76–88
Internationale Kommission für geistige Zusammenarbeit: Ab 1926 wurde der Kommission das Internationale Institut für geistige Zusammenarbeit (International Institute for Intellectual Cooperation) in Paris zur Seite gestellt, das mehr praktische Aufgaben übernahm. (Vgl. Rothbarth, Margarete [1926]: Die geistige Internationale. In: Die Friedens-Warte, März 1926, Vol. 26, No. 3, S. 74-76)
International Bureau of Education (IBE): Vgl.: History of the IBE. Archiviert vom Original am 21. Oktober 2015; abgerufen am 19.06.2026: https://web.archive.org/web/20151021075841/http://www.ibe.unesco.org/en/about-the-ibe/who-we-are/history.html
Wie geht es weiter?
Die nächsten Blitzlichter sind in Vorbereitung und erscheinen in etwa monatlichen Abständen. Eine Übersicht der bisherigen Blitzlichter finden Sie hier.
Unter anderem wird die demnächst von der Montessori-Pädagogin Käthe Stern forcierte Initiative, von ihrem Patenonkel Fritz Haber (Chemie-Nobelpreisträger) unterstützt, zur Vorstandsneubesetzung der DMG, nach dem Rücktritt von Clara Grunwald Ende 1929, beleuchtet werden.
Die Sinnfälligkeit unseres Projektmottos bestätigt sich: „Wir wollen die Vergangenheit kennen, um für die Zukunft zu lernen.“ Es zeigt sich, wie der Streit um Pädagogik und Macht der gesamten deutschen Montessori-Bewegung nach innen und außen bedeutend schadete und die Montessoris vor gravierende Dilemmata stellte.
Bereits bekannt ist, dass nach der Machtergreifung, mit dem Berufsverbot von Juden und politischen Abweichlern ab April 1933, viele Montessori-Einrichtungen schließen mussten. Die Projektergebnisse machen deutlicher, vor welchem Dilemma die deutsche Montessori-Bewegung stand, noch zu retten, was gerettet werden konnte.
Finanzierung des Forschungsprojekts
Das Forschungsprojekt „Montessori-Pädagogik im Kontext des deutschen Nationalsozialismus“ wurde mit der Maßgabe aufgesetzt, vollständig aus Drittmitteln finanziert zu werden, also das Budget des Bundesverbands nicht zu belasten. Auch wenn das Projekt durch die großzügige Zuwendung einer Stiftung finanziell unterstützt wird, bleibt eine zu schließende Lücke von ca. 15.000 €, für die wir interessierte Personen oder Organisationen um Spenden bitten, um das Projekt finanziell endgültig absichern zu können. Mehr Infos gibt es hier.